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Hide the pain, Millennial

David
Eichler
07.09.22 - 16:30 Uhr
Der Autor: Hide the pain, Millennial – in Anlehnung an Hide The Pain Harold. Bild Livia Mauerhofer

«OK Boomer» versus «Wa hesch denn du scho erlebt du huere Banane?» Im Blog «Zillennials» beleuchten die Vertreterin der Generation Z, Nicole Nett, und die Millennials Mara Schlumpf und David Eichler in loser Folge aktuelle Themen. Im Idealfall sorgen die drei damit für mehr Verständnis zwischen den Generationen. Minimal hoffen sie, für etwas Unterhaltung, Denkanstösse und den einen oder anderen Lacher zu sorgen.

Es ist nicht immer ganz einfach, ein Thema für den Zillennials-Blog zu finden. Kaum hat man einen Text fertiggeschrieben, sollte man eigentlich schon das Thema für den nächsten suchen. Nun bin ich ein Meister der Prokrastination (Das habe ich mal irgendwo so gelesen. Keine Ahnung was es heisst. Ich schlage im Duden nach. Morgen.) und finde mich regelmässig mit der Situation konfrontiert, am Morgen nicht zu wissen, was am Nachmittag in meinem Text stehen soll.

Mein Umfeld, professionell wie privat, steht mir da immer Mal wieder gerne mit Rat zur Seite. So auch diese Woche: Die 21-jährige Redaktionskollegin hat mir vorgeschlagen, einen Text zum Thema «Schmerzen im Alter» zu schreiben. Dass der Vorschlag wie aus der Pistole geschossen kam, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass ich doppelt so alt bin wie sie. Nach meiner ersten Empörung habe ich mir meine Gedanken dazu gemacht und mich mit einer Google-Suche ins zwischenzeitliche Elend recherchiert.

Kurz die zusammengetragenen Informationen: Ab 40 verändert sich der Körper besonders drastisch. Das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen steigt, die Gelenke leiden und ein liederlicher Lebensstil in jüngeren Jahren fordert seinen Tribut. Die Haut verliert an Spannkraft und Elastizität, der Stoffwechsel verlangsamt sich, wodurch der Körper weniger Kalorien verbrennt, der Muskelaufbau wird gebremst und der Fettabbau verlangsamt. Hinzu kommen die Gefahren rheumatischer Erkrankungen, ein höherer Blutdruck (insbesondere bei Männern) und die erhöhte Gefahr einer Brustkrebserkrankung (insbesondere bei Frauen). Ab 45 sollte ich zur Prostatakrebsvorsorge und ab 50 ist die Darmkrebsfrüherkennung wichtig. So weit, so scheisse.

Wäre ich ein pessimistischer Hypochonder, hätte ich den Rest des Tages wohl in Embrionalstellung am Boden vor meinem Schreibtisch verbracht und wäre für Stunden nicht ansprechbar gewesen. Natürlich – komplett neu waren diese Informationen nicht für mich. Sie in so kurzer Zeit und so geballt aufgelistet zu erhalten, hat mich dann aber schon beschäftigt, und ich möchte mich hier und an dieser Stelle bei all meinen Alters- und Leidensgenossen dafür entschuldigen, ihnen das auch angetan zu haben. Aber hey: geteiltes Leid ist halbes Leid.

Vor meiner kurzen, aber intensiven Recherche war ich eigentlich guten Mutes. Bisher beklagt sich mein Körper noch nicht bei mir, indem er mir irgendwelche chronischen Schmerzen verursacht. Ich habe zwar bemerkt, dass ich schon mit mehr Eleganz und geschmeidigeren Bewegungen in und aus meinem Auto gestiegen bin, bewege mich im Alltag aber eigentlich noch mit ausreichend Elan. Klar, den Gedanken, in meinem Alter noch damit zu beginnen, mich 90 Minuten lang auf einem Fussballfeld zu verausgaben – eine mir nahe Firmenfussballmannschaft sucht neue Mitstreiter – sortiere ich recht intensiv in meinem Kopf (aus). Ich rechne eher mit einem Muskelfaserriss innert kürzester Zeit als mit starkem Stellungsspiel, genialen Pässen in die Spitzen oder unters Lattenkreuz gezimmerten Freistössen. Die jugendliche Unbekümmertheit ist einer gewissen Altersskepsis (ich sehe bewusst davon ab, in meinem Fall von Weisheit zu schreiben) gewichen. Ich gehe regelmässig zu meiner Hausärztin, um meinen Allgemeinzustand zu erfassen, und nenne seit einiger Zeit ein Blutdruckmessgerät mein Eigen. Ich gehe (noch zu selten) spazieren, was ich früher eigentlich nie getan habe, nehme öfter Mal die Treppe statt den Lift und versuche, mich nicht komplett unvernünftig zu ernähren.

Ich bin mir der Fragilität meiner Gesundheit bewusst und klopfe auch jetzt gerade in Gedanken auf Holz, wenn ich davon schreibe, wie vergleichsweise gut es mir geht. Vordergründig hilfreich ist dabei, dass ich mich eigentlich noch recht jung fühle – zumindest im Geiste. Ich habe einen manchmal infantilen Humor, bewege mich (auch berufsbedingt) regelmässig in einem ziemlich jugendlichen Umfeld und habe allgemein eigentlich das Gefühl, für mein Alter vergleichsweise «slay» im «Gommemode» unterwegs zu sein*. Werde ich gefragt, wie alt ich bin, fasse ich das gerne und augenzwinkernd zusammen: «Ich habe eine alte Seele, mit einem kindlichen Gemüt in einem greisen Körper.» Zumindest der greise Körper wird wohl früher oder später ohne Augenzwinkern erwähnt werden müssen. Die Google-Auflistung der Gebrechen, die mich in den kommenden Jahren betreffen könnten, hat bei mir jedenfalls schon das schwarz-weisse Kopfkino angeworfen.

Die gute Nachricht zum Schluss: In einem Artikel zu den verschiedenen Dekaden des Lebens wird das Kapitel 50–60 mit den Worten «Die Zufriedenheit kehrt zurück» zusammengefasst, was den Silberstreif am Horizont heller scheinen lässt. Bis dahin geniesse ich den Sommer des Lebens, erhalte mir meine kindliche Freude am Alltäglichen und nehme mir Besserung vor, was Bewegung, Ernährung und Vorsorge betrifft.

*Ja, ich habe mich hier zweier Worte bedient, die aktuell als Jugendwort des Jahres zur Wahl stehen, um meiner Berufsjugendlichkeit mehr Credibility zu verleihen. Bodenlos!

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