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Grosse Erwartungen

Grosse Erwartungen

Single
Bock
vor 1 Monat in

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Einer meiner Lieblingsfilme als Jugendlicher war «Hot Shots 2», eine Persiflage vieler damals aktueller Filme. In einer Szene sitzt Hauptdarsteller Charlie Sheen in einem Flugzeug der US Air Force und liest ein Buch. Ein weiterer Typ setzt sich neben ihn. Es spielt sich folgender Dialog ab:

«Was liest du da?»

«Great Expectations!»

«Ist es gut?»

«Nicht, was ich mir erhofft hatte!»

Der Roman «Great Expectations» (Grosse Erwartungen) von Charles Dickens zählt zu den gelungensten Werken Dickens’ und belegt in der Liste der bedeutendsten britischen Romane den vierten Platz. Er erzählt die Geschichte des Waisenjungen Pip, der sich in Estella verliebt, die Tochter einer frustrierten Frau, die ihr altes Hochzeitskleid trägt, in dem sie vor Jahren verlassen worden ist. Tolle Geschichte, tolles Buch, unbedingte Leseempfehlung.

So weit unser kurzer Exkurs in die (Pop-)Kultur, der mir diese Woche als Herleitung für das Thema meines Blogs dient. Es geht um grosse Erwartungen.

Wir alle haben Erwartungen. Also unsere Vorstellung davon, wie Dinge, Personen oder Lebensumstände sein sollten, damit sie zu unseren Wertvorstellungen passen. So weit, so gut. Erwartungen können aber zum Bremsklotz oder gar zur Sackgasse werden, wenn es um die Liebe geht. Klar, man will sich nicht unter Wert verkaufen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Suche für viele Singles (mich eingeschlossen), einfacher wäre, wenn wir uns nicht zu krampfhaft an unsere Erwartungen klammern würden. Liebe funktioniert nun mal nicht nach den eigenen Vorstellungen oder den Scripts romantischer Komödien. Unser Leben ist nur äusserst selten eine Hollywood-Romanze.

Heute kann man als Single auf den gängigen Onlineplattformen ziemlich genau angeben, welchen Kriterien eine potenzielle Liebelei entsprechen soll. Nun – so wenig wie die Partnersuche eine RomCom ist, so wenig ist sie auch ein Autokauf, bei dem man einfach drauflos konfigurieren kann. Wenn man eine Checkliste mit den zu erfüllenden Erwartungen (zum Beispiel Haarfarbe, Bildung, Körperbau, Sportlichkeit, Charaktereigenschaften, bevorzugte Diskussionsthemen, Rotweinvorliebe, Libido und Schuhgrösse) erstellt und diese dann auf der Datingplattform seiner Wahl zur Mindestvoraussetzung deklariert, darf man nicht verwundert sein, wenn sich niemand bei einem meldet.

Männlein und Weiblein unterscheiden sich darin, wie eng sie gewisse Vorlieben fassen. Eine Datingplattform hat das mal erhoben: 65 Prozent der Männer bevorzugen eine schlanke Frau. Für 24 Prozent dürfen es mehr Kurven sein. Bei den Damen wünschen sich 69 Prozent einen schlanken, sportlichen Mann. 13 Prozent gefällt eine rundliche Figur.

Ein hin und wieder zitiertes Bonmot lautet: Optik zieht an, Charakter hält fest. Ich weiss, dass ich mich zu oft auch auf das Äussere einer Frau fixiere. So verbaue ich mir die Möglichkeit, eine Frau kennenzulernen, die mich auf den ersten Blick nicht aus den Socken haut, in deren Charaktereigenschaften ich mich aber verlieben könnte.

Wir bauen uns unter dem Deckmantel der Ansprüche Schranken auf dem Weg zum Verliebtsein. Kribbelt es beim ersten Date noch nicht oder kommt es gar nicht erst zu selbigem? Lass dich doch mal auf dein Gegenüber ein. Insekten in der Magengegend brauchen unter Umständen halt einfach auch Zeit und den Mut, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen und sie allenfalls hintenan zu stellen.

Wie erkennt man denn nun, dass man zu hohe Erwartungen und Ansprüche hat? Man könnte sich zum Beispiel die Frage stellen, ob man selbst der gestellten Erwartung entsprechen kann. Man darf nur erwarten, was man selbst auch bereit zu geben oder in der Lage zu erfüllen ist. Eine neue Beziehung soll auch nicht kompensieren müssen, was in früheren Beziehungen gefehlt hat. Finden wir doch mal heraus, woher unsere Erwartungen und Ansprüche kommen. Wo sind wir kompromissbereit und wo nicht? Wovor haben wir am meisten Angst und welche Rolle spielen dabei bereits erlebte Enttäuschungen?

Es geht nicht darum, alle unsere Erwartungen an die Wand zu klatschen. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, nicht permanent nach dem Haar in der Suppe zu suchen. Sucht man nämlich lange genug nach dem selbigen, fällt einem eines der eigenen Haare in den Suppenteller.

Und um den Kreis zu schliessen und zurück zu Dickens’ Roman zu kommen: Dickens hatte gewisse Erwartungen an das Ende seiner Geschichte – und hat die dann über Bord geworfen. Konkreter werde ich nicht. Ich will euch ja nicht das Ende spoilern.

Passt auf euch auf.

Euer Singlebock

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