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Wer hat die Kettensäge erfunden – und warum?

Wissen ist Macht – und manchmal einfach auch unglaublich unterhaltsam. In unserer Serie «SOwas!» liefern wir euch regelmässig (un)nütze Erklärungen und Kuriositäten zum Staunen und Schmunzeln.

David
Eichler
17.08.22 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Ursprünglich gar nicht für das Bearbeiten von Holz erfunden: Die Kettensäge.
Ursprünglich gar nicht für das Bearbeiten von Holz erfunden: Die Kettensäge.
Bild Freepik

Im Splatter-Horror-Film «The Texas Chainsaw Massacre» von 1974 nutzt Bösewicht «Leatherface» eine Kettensäge, um menschliche Körper in ihre Einzelteile zu zerlegen. Mit diesem Ansatz liegt der Film gar nicht so weit entfernt vom ursprünglichen Verwendungszweck der Kettensäge.

Im 18. Jahrhundert haben die schottischen Ärzte John Aitken und James Jeffray je für sich in Anspruch genommen, eine Knochensäge entwickelt zu haben, bestehend aus zwei Handgriffen und einer dazwischen geführten Kette aus gezahnten, beweglichen Gliedern. Nun kommen wir zum blutigen Teil: Mit der Säge wurde bei gebärenden Frauen der Beckenknochen durchgesägt, um mehr Platz für das Kind zu schaffen – beispielsweise bei einer Steissgeburt oder wenn das Kind zu gross war für den Geburtskanal. Die Konsequenzen waren gravierend: Für die Mutter war der Eingriff mit monatelangen Schmerzen verbunden und für das Kind konnte er tödlich enden. Der Kaiserschnitt war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch das gefährlichere Verfahren. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts lag die Sterberate der Mütter bei Kaiserschnitten bei fast 100 Prozent. Erst ab dem 20. Jahrhundert wurde er aufgrund von Verbesserungen in Technik und Hygiene sicherer. Um 1900 lag die Sterberate bei drei Prozent.

Von der Hin- und Herbewegung zur rotierenden Kette

Das war also die erste verbriefte Kettensäge. Bis auf die gezahnten Glieder hatte sie mit der heute bekannten Form wenig zu tun. Das Sägeblatt mit rotierender Kette stammt jedoch auch aus der Medizin. Der Instrumentenmacher und Orthopäde Bernhard Heine präsentierte der Medizinfachwelt 1830 das Osteotom (Osteo für «Knochen» und Tomia für «Schnitt). Eine Knochensäge, die unter anderem zum Öffnen des Schädels verwendet werden konnte. Sie ermöglichte eine exaktere Schnittführung als damals übliche Handsägen, Meissel oder Bohrer. Betrieben wurde sie über eine Handkurbel. Das technische Prinzip der Sägekette, die um ein Schwert läuft, so wie es auch heute noch bei modernen Motorsägen verwendet wird, war geboren.

Vom Blut zum Harz

Um Bäume umzulegen, wurden früher insbesondere Äxte verwendet. Dies wohl, weil man damit im Notfall auch Gegner umlegen konnte. Bis ins 19. Jahrhundert blieb sie das wichtigste Werkzeug zum Fällen von Bäumen. Dies obwohl bereits 5000 Jahre vor Christus die ersten Sägen erfunden worden waren. Bis ins 16. Jahrhundert wurden Handsägen nicht zur Waldarbeit genutzt. Es gab zwar Sägewerke, die Stämme in Bretter zerschnitten, für den Gebrauch im Wald, also zum Fällen von Bäumen, wurden Sägen aber erst im 18. Jahrhundert verbreitet eingesetzt.

Vom Profibereich zu Garten und Hobby

Die ersten mechanischen Sägen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts getestet. Sie waren jedoch sehr unhandlich und setzten sich nicht durch. Es gab solche, die mit Dampfmaschinen betrieben wurden. Erst 1926 entwickelte die Firma Stihl, der grösste und älteste Hersteller von Motorsägen, die erste Elektro-Kettensäge. Ein Jahr später folgte die erste benzinbetriebene Motorsäge, die von der Firma Dolmar entwickelt wurde. Zu Beginn mussten die Motorsägen von zwei Personen betrieben werden. Sie waren ausserdem schwer und störungsanfällig. Erst 1950 wurde die erste Einmann-Motorsäge hergestellt. Wieder spielte Stihl eine bestimmende Rolle. Die BL (B für «Benzin» und L für «Leicht») war mit 16 Kilogramm Gewicht ein ziemlicher Brocken. Die Motorsägen entwickelten sich jedoch rasch weiter. Insbesondere die Motoren wurden laufend verbessert und so wurden Motorsägen leichter und handlicher und fanden so den Weg vom Profibereich (Wald, Sägewerke) in Handwerk und Gewerbe. Später dann auch in den Hobbybereich, Garten und Freizeit. Ab den 60er-Jahren wurden die Maschinen sicherer, leichter, einfacher zu bedienen und nicht zuletzt auch formschöner. Heute sind Motorsägen präzise Hightech-Produkte.

Wer sich jetzt noch den Trailer zum eingangs erwähnten Horrorfilm von 1974 anschauen möchte, bitteschön:

David Eichler arbeitet als redaktioneller Mitarbeiter bei der gemeinsamen Redaktion von Online/Zeitung. Er ist in Laax aufgewachsen, hat in Winterthur Journalismus und Organisationskommunikation studiert, und lebt in Haldenstein. Seit 2019 schreibt er für «suedostschweiz.ch.»

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