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Haben helfende Hände in Graubünden ausgedient?

Haben helfende Hände in Graubünden ausgedient?

Mit Beginn der Coronakrise im März 2020 sind in Graubünden diverse Hilfsangebote im Stil von Nachbarschaftshilfen entstanden. Der Bedarf an Hilfe ist nun anders als noch vor zehn Monaten.

Anna
Panier
vor 1 Monat in
Aus dem Leben

Im April hiess es seitens Bundesrat: «Bleiben Sie zu Hause». Diese Empfehlung stellte vor allem alleinlebende Menschen vor grosse Herausforderungen: Wie soll ich an Lebensmittel kommen, wenn ich zur Risikogruppe gehöre und nicht einkaufen gehen sollte? Wie erreiche ich die Apotheke, wenn ich Medikamente benötige, aber nicht mit dem Zug fahren sollte?

Genau aus diesem Grund wurden unzählige Hilfsangebote in Stil von Nachbarschaftshilfen von verschiedensten Gruppen oder Privatpersonen ins Leben gerufen. Es wurden Liefer- und Abholdienste angeboten, Botengänge organisiert oder Sorgentelefone eingerichtet. Die Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren, erhielten Unterstützung von den Menschen, die Hilfe anbieten wollten. Aber wie sieht das nun knapp zehn Monate nach dem Lockdown aus? Wird noch im gleichen Masse Hilfe benötigt oder wurden die Angebote zurückgezogen?

Weniger Bedarf in Zizers ...

Aktuell sei die Nachfrage nach Hilfe gering, erklärt Beatrice Stucky, Präsidentin Frauenverein Zizers. Der Verein war einer der Ersten, der im März aufgrund der Coronakrise Hilfsangebote auf die Beine stellte und auf die Notwendigkeit hinwies. Während des Lockdowns habe der Frauenverein pro Woche bis zu zehn Einsätze über die Koordinationsstelle und weitere Einsätze über zugeteilte Helferinnen und Helfer verzeichnet. Momentan sehe alles ein wenig anders aus, so Stucky. Im Januar habe der Frauenverein lediglich noch drei neue Anfragen erhalten.

Wie Stucky betont, werden die Einkaufshilfen und die Bestellmöglichkeit von Lebensmitteln im Denner Zizers aber trotzdem weiter angeboten. «Das Helferteam ist aufgebaut und die Koordination mit dem Lebensmittelgeschäft Denner besteht. Aktiv daraufhingewiesen werden muss aber nicht mehr, denn die Koordinationsstelle ist im Dorf bekannt», so Stucky.

... und in Rhäzüns

Ähnliches erlebt zurzeit auch der Frauenverein Rhäzüns. Kurz nachdem in der Schweiz die ausserordentliche Lage erklärt worden war, führte der Verein Hilfsangebote wie Einkaufshilfen in Rhäzüns ein. «Damals wurden alle von uns organisierten Anlässe wie die Kinderkleiderbörse oder der Frühlingsmarkt abgesagt. Also dachten wir, dass wir als Verein irgendetwas für das Dorf tun müssen», sagt Angelika Bernhard, Vorstandsmitglied Frauenverein Rhäzüns. Der Verein habe dann Flyer verteilt, um auf das Hilfsangebot aufmerksam zu machen. Mehrere Senioren hätten vom Angebot dann auch Gebrauch gemacht.

Nun sehe die Situation auch in Rhäzüns ganz anders aus. Zwar würden sich einzelne Senioren immer mal wieder melden, dennoch sei die Nachfrage zurückgegangen. «Mittlerweile stellen wir einen grossen Unterschied im Vergleich zum Lockdown fest. In den letzten Wochen hatten wir ein bis zwei Senioren, die sich wegen Einkaufshilfen gemeldet haben. Im Frühling waren es mehr Anfragen.» Vermutlich trauten sich die Menschen mit der Maske wieder mehr nach draussen und benötigten deshalb weniger Hilfe, so Bernhard. Zudem habe sich die Risikogruppe vielleicht anders organisiert und sei auf aussenstehende Hilfe nicht mehr so stark angewiesen wie vor zehn Monaten.

Man will weiterhin helfen

Trotz der sinkenden Nachfrage an Hilfe führte der Rhäzünser Frauenverein das Angebot in den letzten Monaten weiter. «Wir waren durchgehend aktiv, auch wenn weniger lief. So rief uns beispielsweise im Sommer eine Frau an und erzählte, sie sei zum ersten Mal wieder selbst Einkaufen. Der Einkauf sei aber so sehr schwer gewesen, dass sie wieder über Hilfe froh wäre», erzählt Bernhard. Ans Aufhören denkt der Verein darum nicht.

Der Verein habe sich sogar überlegt, die Nachbarschaftshilfe als Vereinsangebot weiterzuführen, Pandemie hin oder her. «Da das Hilfsangebot mit keinem grossen Aufwand verbunden ist und unsere Arbeit sehr geschätzt wird, haben wir uns gedacht: ‹warum lassen wir das Angebot nicht einfach weiterhin bestehen?›.» Zwar sei die Weiterführung noch nicht in Stein gemeisselt, aber solange der Verein das Angebot tragen könne, spreche nichts dagegen.

Für Bernhard haben die letzten Wochen aber vor allem gezeigt, dass wieder bewusster zueinander geschaut werde. «Das Schöne ist, dass Nachbarschaftshilfen auch dazu geführt haben, dass Nachbarn wieder näher in Kontakt stehen und man beispielsweise den älteren Nachbarn bewusst hilft. Ich glaube, genau dieses Bewusstsein ging im hektischen Alltag unter und wurde nun wieder wachgerüttelt.»

Ebenso nicht ans Aufhören denkt «Chur Plus». Die Organisation, welche im Auftrag der Stadt Chur hauptsächlich soziale und berufliche Integration anbietet, hat aufgrund der Coronakrise innerhalb des normalen Tagesgeschäfts einen Lieferdienst aufgebaut. «Der Corona Lieferservice wurde zwar während dem Sommer und Herbst 2020 pausiert, dann aber erneut im Dezember gestartet. Seither wird er wieder rege genutzt», erklärt der Präsident von Chur Plus, Claudio Jaeger. Der Lieferdienst werde solange aufrechtgehalten, wie es die Stadt Chur wünscht. Ab diesem Jahr biete Chur Plus auch noch eine weitere Dienstleistung, «Chur Pro», an. «Damit helfen wir KMUs, die wegen der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten sind», so Jaeger.

Überblick auf «Chur hilft Chur»

Um einen Überblick über Hilfsangebote in Graubünden zu haben, hat Bernhard Aebersold, Student an der Fachhochschule Graubünden, kurz nach dem ersten Lockdown zusammen mit zwei Mitstudenten drei Webseiten lanciert, die noch immer als Plattformen für Hilfsangebote dienen. So entstand nebst einer Plattform für den Kanton Aargau in Graubünden «Zizers hilft» und «Chur hilft Chur». Für letztere Seite ist Aebersold seit Beginn verantwortlich.

Das Projekt 
«Chur hilft Chur» besteht in erster Linie aus einer interaktiven Karte, auf der Angebote selbst eingetragen werden können. Laut Aebersold ist die Karte zentral. Denn bei anderen Hilfsangeboten rufe man einer Organisation an und erkläre, welche Hilfe man benötige. Bei «Chur hilft Chur» könne man eigenständig jemanden in der Nähe (Nachbarschaft / Quartier) kontaktieren und die Hilfe erfolge direkt zwischen Churerin und Churer im Sinne der Nachbarschaftshilfe und Solidarität. Sprich, Hilfesuchende sehen, wer in der Nachbarschaft Hilfe anbietet und können direkt Kontakt aufnehmen. Personen, die Hilfe anbieten wollen, können selbständig ihren Standort und das Angebot der Karte hinzufügen. 

«Wir waren in Graubünden die Ersten, die eine solche Plattform ins Leben gerufen hatten und binnen weniger Tage zählten wir auf der Karte rund 50 Angebote», erklärt Aebersold. Wochen später seien dann aber immer mehr solche Plattformen wie beispielsweise der Lieferservice von «Chur Plus» im Auftrag der Stadt Chur entstanden. «Dann hielten wir uns zurück und verbreiteten das Angebot nicht mehr weiter. Es sollte keine Konkurrenz entstehen. Wir liessen den offiziellen Plattformen wie ‹Chur Plus› den Vorrang.»

Dies sei wahrscheinlich auch ein Grund gewesen, weshalb in den Monaten nach dem Lockdown nur noch vereinzelte neue Angebote dazu gekommen seien. Ob zudem die Nachfrage nach Hilfe im Laufe des Jahres 2020 abgenommen habe, weiss Aebersold nicht. «Ich sehe nur, dass aktuell 65 Angebote auf der Karte aktiv sind.» Solange die Pandemie nicht vorbei sei, bleibe die Karte online. «Die Website ist nach wie vor zugänglich, die Angebote sind einsehbar und es könnten laufend neue Angebote erfasst werden», so Aebersold.

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