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Im Freilichtmuseum des Lawinenschutzes

Das Unesco-Weltkulturerbe Lawinenschutz erlebbar ­machen. Das gelang dem Forum «Bau und Kultur» mit dem SLF-Lawinenforscher Stefan Margreth auf seiner Wanderung mit der Schiahornlawine talwärts auf eindrückliche Weise. Der Lawinenschutz am Schiahorn ist ein überraschend vielschichtiges Jahrhundertwerk mit aufwühlender Geschichte. Ein Bericht in drei Teilen.

Davoser
Zeitung
10.07.22 - 11:58 Uhr
Wirtschaft
Die Zerstörung durch die Lawine von 1968.
Die Zerstörung durch die Lawine von 1968.
zVg

«Der Wind ist der Baumeister der Lawinen», sagt ein Sprichwort. So gibt es am Schiahorn bereits alte Mauern, die der Falllinie entlang verlaufen. Dieses neue Hindernis soll dafür sorgen, dass sich in seinem Windschatten der Triebschnee ablagert. Am Dorfberg befindet sich bereits ein neuerer Triebschneezaun aus Holz, der den gleichen Zweck erfüllt, einfach wesentlich kosteneffizienter. ­Allerdings könnte man auch diesen bereits wieder optimieren. Erfahrung und Experimente im Windkanal zeigten, dass ein Bodenspalt für einen bodennahen Düseneffekt sorgt, der verhindert, dass die Verbauung eingeschneit wird. «Ebenfalls am Dorfberg sehen wir sogenannte Kreuzkolktafeln, künstliche Bäume», ­erklärt Margreth. Der Begriff Kolk bezeichnet den Trichter, den die erzeugte Verwirbelung um den «Stamm» freibläst. Aneinandergereiht können diese freigeblasenen Löcher für Unterbrechungen im Schneedeckenaufbau sorgen und so die Ausbreitung einer Lawine verhindern. Die Stellwände entlang der Parsennbahn hingegen seien sogenannte Umlenkwände, fährt Margreth fort. Sie lenkten den Wind in die gewünschte Richtung, um dem Einblasen von Schnee aufs Bahntrasse entgegenzuwirken. Über der Felswand am Grat des kleinen Schiahorns befindet sich noch eine Triebschneeschanze. Das ist eine Holzplattform, die den Grat um einige Meter über die Felswand hinaus verlängert. In den Augen des Lawinenschutz-Experten ist das ­allerdings ziemlich unsinnig. Darum ist sie auch dem Zerfall preisgegeben, wie die unter dem Panoramaweg verstreut herumliegenden Holzbalken bezeugen.

Klimawandel als neue Herausforderung

«Jede neuartige Intervention am Berg ist ein Experiment, das dem jeweiligen Wissenstand entspricht», erklärt Margreth. Das Nebeneinander der verschiedenen Ausbauetappen und Formen von Verbauungen macht das Davoser Schiahorn quasi zum Freilichtmuseum der Entwicklung im Lawinenschutz. Gleich unterhalb der Station Höhenweg klaffen im Hang vegetationslose Wunden. Das ist das typische Bild von Gleitschneelawinenhängen. Sie entstehen, wenn der Schnee auf einem schmierigen Wasserfilm zwischen Schneedecke und Boden langsam abrutscht. Anfänglich zeugen sich öffnende Risse in der Schneedecke, sogenannte «Fischmäuler», von der Bewegung. Doch plötzlich kann die ganze Schneedecke abgleiten aber oft passiert auch gar nichts. Das macht sie besonders unberechenbar für Rettungsdienste, die für die Sicherheit darunterliegender Skipisten verantwortlich sind. Gleich zwei aktuell laufende Forschungsprojekte versuchen, diese heimtückische Lawinenart besser zu verstehen.

Die diesjährige, rekordverdächtig, frühe Schneeschmelze stimmt nachdenklich. «Löst sich das Lawinenproblem mit der Klimaerwärmung von alleine?» fragt der Gründer des Forums Bau und Kultur und Wanderleiter Jürg Grassl provokant. Das sei ein Trugschluss, kontert Margreth. «Die Schneeforscher erwarten oberhalb von 2000 m. ü. M. künftig sogar mehr Niederschlag, mehr Schnee, aber auch öfters Regen bis über alle Gipfel. Das wird für eine Veränderung der Lawinenprobleme sorgen und uns mit neuen Herausforderungen weiter beschäftigen.»

Stefan Margreth( r.) führte zusammen mit Jürg Grassl eine Schar Interessierter durch die spannende Geschichte der Lawinenprävention.
Stefan Margreth( r.) führte zusammen mit Jürg Grassl eine Schar Interessierter durch die spannende Geschichte der Lawinenprävention.
zVg

Temporäre und permanente Verbauungen

Weiter unten quert die Parsennbahn acht Meter über dem Bachbett den Dorfbach. Doch die Lawine von 1968 hat die Eisenbrücke trotzdem aus ihren Auflagern ­gehoben und 300 Meter weit zu Tal getragen. Da auch das Zugseil der Bahn mitgerissen wurde, wurde die untere, in der Talstation parkierte Bahnkomposition bis aus dem Tunnel raus den Berg hochgezogen. Am Steilhang neben der neu erbauten Brücke stehen Dreibein­böcke und Schneerechen aus Rundholz. «Temporäre Verbauungen», nennt sie Spezialist Margreth. «Sie müssen nur so lange stehen bleiben, bis die dazwischen gepflanzten Bäume ihre Schutzfunktion übernehmen.» Anders ist es bei der ­Aufforstung am Dorfberg in auffälliger Rechteckform. «Diese Bäume können da nur überleben, solange sie die Verbauung darüber vor einem Lawinenabbruch schützt.»

Martialische Festung: Mit Beton und Panzerglas gegen den Berg.
Martialische Festung: Mit Beton und Panzerglas gegen den Berg.
zVg

Wo die Stadt zur Festung wird

Während die Notwendigkeit der Schutzbauten am Berg offensichtlich ist, ist es erstaunlich, wie auch die Stadt angesichts der Lawinengefahr zur Festung wird. An den Häusern zeugen bergseitige Betonwände von der Vorschrift, dass ­diese dem Lawinendruck standhalten müssen. Sie müssen aber auch hohe Punktlasten, wie den Aufprall eines mitgeführten Baumstammes aushalten. Idealerweise ist diese Schutzwand flügelartig über die Gebäudeseiten hinausgeführt, um einen sogenannten Lawinenschatten zu erzeugen, der wiederum die seitlichen Fassaden schützt. Es sind bergseits sogar Fenster möglich. Dies, wenn vorgesetztes Panzerglas den gleichen Schutzansprüchen standhält. Alternativ können Schiebe-und Kippläden oder stabile Panzerstoren verwendet werden. Sie werden bei Gefahr geschlossen. Errechnete Fliess- und Rückstauhöhen der jeweiligen Lawine geben vor, bis zu welcher Gebäudehöhe diese Schutzmassnahmen getroffen werden müssen. Am besten ­wäre jedoch, wenn die Lawinen gar nicht erst bis zu den Häusern vordringen könnten.

«Bei den Schutzbauten gibt es eine einfache Gleichung», resümiert Margreth am Schluss: «Je weiter oben am Berg, desto teurer». Einen grossen Auffangdamm am Rande des Siedlungsgebiets zu erstellen, sei bei uns jedoch bislang undenkbar. Diesbezüglich sei man im hohen Norden schon viel weiter. Als Experte begleitete er ein Projekt, bei dem die Landschaftsarchitektur so schön gemacht wurde, dass der Damm, der im Sommer zum Freilichttheater wird, sogar Auszeichnungen einheimste.

«Bestimmt werden wir, die ‹Forum-Bau-und-Kultur-Wandervögel›, im nächsten Hochwinter, wenn sich die Schnee­massen wieder meterhoch über die Verbauungen am Schiahorn türmen, daran denken, dass wir unten in Davos nur ­ruhig schlafen können, weil ein Korsett aus rund zehn Kilometern Steinmauern und Stahlrechen die Gewalt der Natur im Zaum hält», sagt Wanderleiter Jürg Grassl zum Schluss. Die Gruppe stimmt ihm am Ende der Tour einstimmig zu, dass das Unesco-Label Davos dazu ­anspornen sollte, die Davoser Lawinengeschichte und den Lawinenschutz ­erlebbarer zu machen. Dank den Schneeforschungspionieren vom SLF sei Davos prädestiniertes Zentrum des Lawinenwissens. Zusammen mit dem Unesco-Gütesiegel und der Faszination Natur­gewalt seien das Garanten für eine touristische Attraktion.

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