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Der Charme der Diktatur

Der Charme der Diktatur

Willkommen in der ersten jodel- und treichelgestützten, konstitutionellen Diktatur! Sie haben richtig gehört, geneigte Leserschaft, und Sie können sich nicht vorstellen, wie dankbar ich der SVP-Troika Chiesa-Köppel-Martullo bin, dass es jetzt die ganze Welt weiss: Ja, wir leben in einer Diktatur! Vielleicht haben auch Sie beim Wort Diktatur immer an China oder Kim Jong Un, die Sowjetunion oder Hitler gedacht. Ein unverzeihlicher Irrtum, wie es sich jetzt zeigt. Und ungerecht dazu. Schauen Sie sich doch um: Unfreiheit, institutionelle Gewalt, Knechtschaft und Unterdrückung, soweit das Auge reicht!

Echt, nie im Leben wäre ich auf so eine Idee gekommen. Aber jetzt, wo die es sagen… Und die sind weiss Gott glaubwürdig: Eine steinreiche Wirtschaftskapitänin (sozusagen von nebenan), ein bekannter Medienschreihals und ein Südschweizer Parteipräsident, dessen Name schon Programm ist. Und allesamt erst noch aus der einzigen Partei in der nördlichen Hemisphäre mit hundertprozentig souveränem Ohr an der Volksseele.

Nun, dass wir trotz allem als Diktatur den Lukaschenkos und Co. nicht das Wasser reichen können, schleckt keine Geiss weg. Schliesslich haben wir ja immer noch die Landsgemeinde in Appenzell und ein paar Volksrechte. Im Notfall könnten wir nämlich unsere exekutiven Peiniger (Frauen sind mitgemeint) sogar locker wegpusten. Tutti quanti, und ganz legal. Aber wir mögen sie doch, Mann!

Fazit: Diktatur, ja, aber immerhin soft, wie es sich gehört für die Schweiz. Eine Art Kuscheldiktatürli, wo du fast alles ungestraft machen darfst. Sogar schamlos Lügen verbreiten. Natürlich immer hands-space-face, versteht sich. Und überhaupt, Hand aufs Herz, wenn das mit den anderen Diktaturen auch in etwa so ist, dann verstehe ich das Affentheater nicht, das immer darum gemacht wird.

Roman Caviezel
01. März 2021, 10:21:04
Leserbrief
Ort:
Chur
Zum Artikel:
Emotionale Debatte zur Pandemiepolitik, Ausgabe vom 9.3.2021

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