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Vom Luxussanatorium zum Hotel

1924, also vor 100 Jahren, wurde der Roman «Der Zauberberg» von Thomas Mann veröffentlicht. Und im nächsten Jahr könnte Thomas Mann (1875 – 1938), einer der wohl berühmtesten Schriftsteller des Jahrhunderts, seinen 150. Geburtstag feiern.

Davoser
Zeitung
11.05.24 - 12:00 Uhr
Kultur
Davos wird diese beiden Jubiläen gebührend begehen, denn der Ort ist dank dem «Zauberberg» als Hauptschauplatz in die Welt­literatur eingegangen.

Thomas Mann, der 1912 seine tuberkulosekranke Frau Katja im Davoser Wald­sanatorium, dem heutigen Waldhotel, besuchte, erlebte in Davos erstmals die Zeit der Kurenden mit Tausenden von Kranken. Hauptfigur im Roman ist Hans Castorp, der seinen Cousin und Freund Joachim Ziemsen für drei Wochen im Waldsanatorium in Davos besucht. Thomas Mann plante, dies lediglich in einer Novelle zu beschreiben, heraus kam ein 1000 Seiten umfassender Roman.

Davos war vor 150 Jahren noch ein verschlafenes Bergdorf. Heute ist es ein lebendiger Ferienort mit rund 12 500 Einwohnern, ein Ort, wo die Tuberkulose einst geheilt werden konnte und 1946 den Patienten über 40 Sanatorien zur Verfügung standen. Hier hat Thomas Mann seinen Roman angesiedelt, und die grossartigen Maler E.L. Kirchner und Philipp Bauknecht haben hier eine Heimat gefunden und wurden mit ihren Bildern beste Werbeträger für Davos. Forschende entdeckten einst das heilende Klima, und Davos wurde später zu einem Ort der Forschung. In sechs Instituten wird heute auf höchstem Niveau geforscht: über die Sonne, den Schnee, Allergien, Asthma und die Knochenheilung. Und Davos ist auch zur Kongressstadt mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) geworden.

Begonnen hat alles mit Alexander Spengler aus Mannheim, der sich in der badischen Revolution vom März 1848 mit seiner Bürgerwehr stark engagierte, fliehen musste und zusammen mit seinen Kampfgefährten in Zürich Asyl beantragte. Spengler galt als steckbrieflich gesuchter Radikaler, als ein militanter Vaterlandsverräter, der in Abwesenheit zum Tode verurteil worden war. Aus humanitären Gründen durfte Spengler in der Schweiz bleiben und liess sich an der Universität in Zürich zum Mediziner ausbilden. Nach bestandenen Prüfungen in ­Zürich und Chur wurde er 1854 Landschaftsarzt in Davos: Er hatte die einzige Bewerbung eingereicht. Als Arzt nach Davos berufen zu werden, mag heute attraktiv klingen, doch damals musste Spengler es wie eine Verbannung empfunden haben. Aber als Staatenloser hatte er keine Wahl und machte das Beste daraus. Hier, an seinem ersten Arbeitsort, lernte er eine Einheimische kennen, mit der er später fünf Kinder hatte.

Tödliche Seuche

Es war um das Jahr 1850. Eine Zeit, als europaweit jeder siebte Mensch an Tuberkulose starb, und allein in der Schweiz mit ihren damals drei Millionen Einwohnern jedes Jahr bis zu 9000 Personen durch diese Seuche dahingerafft wurden. Für die Besuche der Kranken – im Winter auf Skiern, zur schneefreien Zeit mit einem Pferd – bekam Spengler von der Gemeinde eine kleine Entschädigung. Spengler stellte während seiner Arbeit schnell fest, dass die Tuberkulose eine in Davos fast unbekannte Krankheit war und kranke Menschen aus dem Unterland in meist kurzer Zeit in Davos wieder gesund wurden.

Dies publizierte Spengler und untermauerte seine Artikel mit meteorologischen Daten. Tausende von Kranken aus weiten Teilen Europas und Russlands kamen und hofften, in Davos von dieser meist tödlichen Seuche geheilt zu werden. Ein Deutscher, Dr. Turban, baute das erste Sanatorium an der Stelle, wo heute das Hotel Mountain Plaza steht. Das war 1889. Seine Tuberkuloseklinik wurde mit den nach Süden gerichteten Balkonen wegweisend für alle weiteren Sanatorien in Davos und ganz Europa. Zehn Jahre später zählte man in Davos bereits 26 private und von Kantonen und Städten mitfinanzierte Tuberkulose-Heilanstalten. Davos hatte aber kein einziges Luxussanatorium für die vielen wirklich Wohlhabenden der damaligen Gesellschaft, und das waren vor allem die Engländer und Russen.

Grossartige Lage

Ein wichtiger Weggefährte Spenglers war der aus Holland stammende Willem Jan Holsboer, der 1868 mit seiner schwer an Tuberkulose erkrankten Frau nach Davos kam. Die Krankheit war bei ihr zu weit fortgeschritten, und nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft starb sie. Holsboer blieb und wurde zum «Macher» des neuen Davos. Der Sohn von Alexander Spengler, Dr. Luzius Spengler, und W. J. Holsboer waren eng befreundet. Ihr Ziel war es, in Davos endlich ein Luxussanatorium zu erbauen. Zusammen fanden sie an der grossartigen Aussichtslage auf Schatzalp den idealen Platz zum Bau dieses Sanatoriums für die Reichsten der damaligen Gesellschaft.

Nur zwei Jahre Bauzeit

Zwischen 1898 und 1900, in nur zwei Jahren, wurde dieser vollkommen neue Stahlbeton-Bau auf 1861 Metern von rund 2000 Italienern nach Plänen der Zürcher Architekten Pfleghard und Häfeli erbaut. Mit Pferdefuhrwerken wurde das Material über die Bobbahn auf die 300 Meter höher gelegene Schatzalp gebracht. Am 21. Dezember 1900 wurde dieser Luxusbau im Jugendstil eröffnet.

Das Haus bot von Anfang an einen maximalen Komfort mit Bodenheizung, grosszügigen Räumen, grossen, gegen Süden gerichteten Balkonen, elektrischem Licht und Liegestühlen aus Rattan. Selbst Kaiser Wilhelm II. hörte von diesem Luxussanatorium in den Bergen. Aus der Angst heraus, selbst tuberkulosekrank zu werden, mietete der Kaiser für seine Familie und Freunde von 1905 bis zu seiner Absetzung im Jahr 1918 die drei heute sogenannten «Kaiserzimmer».

Wirksame Medikamente

1953 wurde das einstige Luxussanatorium Schatzalp, wie die meisten der 46 damals existierenden Davoser Sanatorien, zu Hotels umgewandelt. Inzwischen waren wirksame Medikamente gegen die Krankheit entwickelt worden. Die Kliniken Wolfgang und Clavadel spezialisierten sich vor allem auf Atemwegserkrankungen, Hautkrankheiten und Allergien. Die Hochgebirgsklinik Wolfgang ist neuerdings auch eine hervorragende Rehaklinik für Herzpatienten. Um den Kranken die oft jahrelangen Kuren zu erleichtern und Abwechslung in den Alltag zu bringen, hatte die Schatzalp bereits 1907 einen grossartigen Alpingarten angelegt. Heute finden sich hier rund 5500 Sorten und Arten von Alpenpflanzen.

Interessierte haben die Möglichkeit, jeweils am Dienstag und am Donnerstag von 14.15 bis 16 Uhr die Räumlichkeiten dieses eindrücklichen Jugendstilbaus unter fachkundiger Führung zu besichtigen. Anmeldungen erwünscht bei DDO oder Schatzalp.

Klaus Bergamin, Lokalhistoriker

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