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Porträt eines Rahmensprengers

Marco Piroddi zeigt seine Bilder erstmals in einer Pop-up-Galerie – über die Kunst, das Kochen und alles, was ihn sonst noch prägt

Bündner Woche
13.08.22 - 04:30 Uhr
Kultur & Musik
Facettenreich: der junge Künstler und erfahrene Gourmet-Koch Marco Piroddi.
Facettenreich: der junge Künstler und erfahrene Gourmet-Koch Marco Piroddi.
Cindy Ziegler

Von Cindy Ziegler

Es herrscht Abbruchstimmung. Oder doch Aufbruchstimmung? Ganz klar ist es nicht. Die Wände in der ehemaligen Nespresso-Filiale an der Gäuggelistrasse 2 in Chur sind rau, teilweise ist der Verputz abgeblättert. Marco Piroddi begrüsst mit einem entschuldigenden Lächeln. «Wir sind noch nicht ganz fertig», erklärt er und zeigt hinter sich in den Raum. Er lädt zum Kaffee und zum Gespräch. «Wir setzen uns in die Sonne oder?», fragt er und sitzt ab. Dem gebürtigen Sarden scheint die Sonne aus dem Herzen – und nun auch auf den Kopf.
Der 38-Jährige mag Wärme.

In seinem Leben ist Marco Piroddi schon viel herum gekommen. Hat an so manchem Orten seine Zelte auf- und wieder abgebaut. Ist aufgebrochen. Auf der italienischen Mittelmeerinsel Sardinien geboren, zieht er als Teenager mit seiner Familie nach Deutschland. Dort beendet er die Schule und macht eine Ausbildung zum Koch. Über 20 Jahre lang arbeitet er dann in verschiedenen Gourmetküchen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. «Ich habe in dieser Zeit viel gesehen und viele Menschen kennengelernt», sagt er und nimmt einen Schluck seines Cappuccinos. Das Kochen habe ihn lange Zeit erfüllt. Ausgefüllt. Doch irgendwann habe er sich nur noch als Teil eines Systems empfunden. Habe eine Entfremdung gespürt. In dieser Zeit sei die Kunst aus dem Nichts aufgetaucht. «Und doch hat es sich für mich selbstverständlich angefühlt, mich mit Farben auf der Leinwand auszudrücken», erinnert er sich.

Kunstvoll

Der 38-Jährige überlegt sorgfältig, bevor er spricht. Oft sind die Worte bedacht, klingen in seinem Hochdeutsch beinahe lyrisch. Kunstvoll. «Im Atelier bin ich freier als in der Küche. Kunst kann man nicht genug beladen», sagt er. Es folgt ein weiterer Schluck aus der Kaffeetasse. «Kunst bleibt erst mal und ist nicht in zehn Minuten verspeist.» Und doch hätten das Kochen und die Kunst einiges gemeinsam. So sei für ihn beides eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Es gehe ums Handwerk. Aber auch um Harmonien und Kompositionen. «Ich glaube, meine Zeit in den Gourmet-Küchen war eine Jahrzehnte lange Übung für das Malen. Ausserdem versteht sich ein guter Koch auch als Künstler.»

Heute sei er angekommen. In Graubünden, wo er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Zizers lebt. Aber auch als Koch und Künstler. Bald übernimmt er das Amt des Küchenchefs im Churer Lokal «Werkstatt». Und gerade entsteht seine erste Ausstellung als Künstler. Vieles ist in Bewegung. Und doch. «Ich habe den Luxus, dass ich mich selbst gefunden habe. Wenn man das geschafft hat, gibt es kein Zurück mehr», erklärt er. Kurz macht er eine Pause und nippt scheinbar gedankenlos am Cappuccino. «Die Frage ist dann, was mache ich, wenn ich mich gefunden habe?»

Marco Piroddi weiss die Antwort. Und tritt nun in einen Dialog. Mit seiner ersten Ausstellung «Restrizioni – wenn Bilder … Rahmen sprengen» in der Pop-up-Galerie. «Aber auch hier bin ich nur auf der Durchreise. Nach sechs Wochen gibt es wieder Platz für Neues», erklärt er. Platz haben und Platz bieten. Beides ist dem Künstler wichtig. Und beides will er mit seinen Bildern erzählen. «Wenn wir es schaffen, einander Freiraum zu geben, ergeben sich für alle neue Möglichkeiten», meint er bestimmt. Und so sehe er sich immer auch als Teil des Ganzen. «Das ist keine neue Idee, kein neues Konzept. Und trotzdem wichtig. Die persönliche Entwicklung und die Gesellschaft – das eine existiert nicht ohne das andere.»

Vernarbung: «Scarrification» von Marco Piroddi.
Vernarbung: «Scarrification» von Marco Piroddi.

 

Er selber sehe in der Kunst kein richtig und falsch. Es interessiere ihn, was andere denken und fühlen, wenn sie seine Kunst wahrnehmen. Betrachte man seine Bilder, seien diese abstrakt. Nicht gegenständlich. «Von der Realität habe ich genug. Also arbeite ich lieber im Abstrakten. So kann ich etwas sagen, was ich sonst nicht kann.» Inspiriert werde er von allem, was er in seinem Leben erlebe oder erlebt habe. «Was mich geprägt hat, ist in mir drin.» Zusammenfassen würden sich wohl alle seine Werke unter dem Begriff «facettenreich» lassen. «Da sind wir wieder bei den Freiräumen. Wenn wir uns gegenseitig ermöglichen, alle unsere Facetten zu leben, gibt das wieder Raum für Neues», erklärt Marco Piroddi.

Ruhelos

Nach dem letzten Schluck Kaffee, oder wohl eher Milchschaum, steht der grosse Mann auf, bezahlt an der Kasse und geht über die Strasse. Vor der baldigen Galerie auf Zeit bleibt er stehen. «Ich bin immer voller Energie und voller Interesse. Manche würden mich wohl auch als ruhelos bezeichnen», meint er und drückt die Glastüre auf. Die Hand zum Gruss erhoben, spricht er mit seinen zwei Freunden, die ihm beim Einrichten helfen. Vor dem geistigen Auge sieht Marco Piroddi schon seine Bilder hängen. «Ich plane mit weissen Leinwänden, die wie Passepartouts wirken sollen», verrät er und grinst. «Manchmal ist es anstrengend, immer weiter zu gehen. Es gibt bestimmt Menschen, die besser schlafen als ich. Aber ich möchte all meine Facetten ausleben. Auch wenn ich so manchmal den Rahmen sprenge.»

Marco Piroddis Ausstellung «Restrizioni – wenn Bilder … Rahmen sprengen» ist noch bis am 13. September in der Pop-up-Galerie in der Gäuggelistrasse 2 in Chur zu sehen.

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