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Helvetische Genetik: Die stille Revolution im Alpenboden

Wie das Erbe lokaler Pflanzen Kulturlandschaften schützt – ein Blick auf «Semenza Retica»

Bündner Woche
24.05.25 - 04:30 Uhr
Klima & Natur
Schatz der Natur: In Filisur werden einheimische Pflanzen gezielt gefördert und vermehrt.
Schatz der Natur: In Filisur werden einheimische Pflanzen gezielt gefördert und vermehrt.
Bild: Cindy Ziegler

von Cindy Ziegler

Der Frühling ist langsam auch im Berggebiet angekommen. Die Wiesen im Albulatal sind saftig grün. Da und dort blühen Mohn, Margeriten und tiefviolett der Wiesensalbei. Und spätestens bei Schutz Filisur begrüssen die Pflanzen in ihrer schönsten Farbenpracht. Für einmal achten wir aber nicht primär auf Farben – noch nicht. Vor dem Eingang trifft die «Büwo»-Schreibende auf Markus Schutz, Geschäftsführer des alpinen Gartenzentrums, und auf Laura Regli. Sie unterstützt die Stiftung Biodiversität Graubünden bei der Umsetzung der Massnahme «Semenza Retica». Gemeinsam interessieren sie sich für den Stand der Pflanzen vor respektive nach der Blüte – je nachdem. Heute geht es um die Samen.


Markus Schutz und Laura Regli spazieren über die weitläufige Anlage der Gärtnerei, die bis ins Dorf Filisur hochgeht. Sie passieren rosafarbene Alpenrosen und blaublühenden Enzian. Mit dem Ohrwurm von Heino geht es hoch zur sogenannten Samenreinigung. Hier ist Mitarbeiterin Diana beschäftigt und total in ihrem Element. Seit über 15 Jahren ist sie mit den Samen beschäftigt. Mehrmals gehen sie im Prozess durch ihre Hand.

Dokumentiert.
Dokumentiert.
Bild: Cindy Ziegler

Einheimische Pflanzenvielfalt bewahren und fördern

Aber erst: Warum sind wir eigentlich hier? Laura Regli schaut sich im Raum mit den dicken Steinwänden und der alten Holztüre um und beginnt dann, von «Semenza Retica» zu erzählen. «Im Rahmen der Biodiversitätsstrategie des Kantons ist auch ‹Semenza Retica› eine der Massnahmen aus dem grossen Katalog», erklärt sie. Dabei gehe es darum, die genetische Vielfalt der einheimischen Pflanzen zu bewahren und zu fördern. «Eigentlich ist es ganz einfach. Mit einheimischem Saatgut fördert man die Biodiversität direkt an der Basis. Wir setzen uns dafür ein, dass im Kanton vermehrt einheimisches Saatgut eingesetzt wird und nicht einfach irgendein Standard-Saatgut», führt sie aus.


Markus Schutz nickt. Mit seiner Gärtnerei ist er einer der Einzigen, die einheimisches Saatgut produzieren. Und hier kommt auch Mitarbeiterin Diana wieder ins Spiel. Sie und andere aus ihrem Team sammeln Saatgut von Wildpflanzen, reinigen, beschreiben und lagern dieses. Manchmal werden die Samen angepflanzt und vermehrt und manchmal auch direkt wieder ausgebracht. «So kopiert man eigentlich Wiesen. 

Das ist zum Beispiel bei grösseren Bauprojekten relevant, wenn keine Rasenziegel verwendet werden können», ergänzt Laura Regli. «Ich mache immer den Vergleich mit Fast Food und Lebensmitteln aus dem Hoflädeli. Auch Fast Food macht satt. Aber das Resultat ist natürlich ein anderes. Mit einheimischem Saatgut – aus dem Hoflädeli quasi – kann man die Vielfalt von kleinen Regionen des Kantons abbilden. Wenn man vor Ort pflanzt, was grundsätzlich heimisch ist, sind die Pflanzen langlebiger. Sie können so erst ein stabiles System bilden, das weniger anfällig auf Erosion, Neophyten oder Wetterextreme ist. Und natürlich bilden sie durch ihre breite genetische Vielfalt die ideale Nahrungsgrundlage für die Tiere, die dort zu Hause sind. Es geht vom Kleinsten ins Grosse.


Markus Schutz geht durch den Raum und holt aus einer Schublade einen Katalog von 1972 hervor. «Früher gab es nur wenig spezifische Mischungen. Zum Beispiel einfach eine für Höhenlagen. Man nahm keine Rücksicht auf die unterschiedlichen Bedingungen der Standorte» kommentiert er und legt den Katalog dann wieder bei Seite. Gemeinsam blicken er und Laura Regli Diana über die Schultern. Sie kippt eine Schale mit Pflanzenresten in ein Sieb und dann in eine der Maschinen. Dann drückt sie auf einen Knopf und Luft strömt in den Kanal. Die leichten Pflanzenteile fliegen umher, während die schweren, die Samen, auf den Boden fallen.

Gereinigt.
Gereinigt.
Bild: Cindy Ziegler

Eine komplexe Sache

Was einfach aussieht, ist eine komplexe Sache. Es gibt viele verschiedene Siebe, Diana muss von Fall zu Fall entscheiden, welches die passende Grösse hat. Und: «Jedes Korn ist anders. Sie unterscheiden sich in der Grösse, dem Gewicht und der Feuchtigkeit», sagt sie. Ob die Samen des Habichtskrauts, die gerade gereinigt werden, beim Albulapass oder in der Surselva gewachsen sind, mache einen Unterschied. In einem dicken Buch sucht sie nach dem Kraut. Neben dem Bild der Pflanze mit der gelben Blüte hat Diana ein paar Samen eingeklebt. «Am Anfang habe ich alles aufgeschrieben. Heute mache ich vieles über meine Intuition», meint sie und klappt den Wälzer wieder zu.


Weiter geht es im Prozess. Von der Samenreinigung spazieren wir weiter durch das Dorf bis zur Samenbibliothek. Im ehemaligen Stall ist es trotz strahlender Sonne kühl. Gut so für die Samen, wie wir erfahren. Unzählige Kisten stapeln sich übereinander. Die Fächlein der alten Apothekerkommode sind ebenfalls fein säuberlich angeschrieben. Markus Schutz nimmt einige kleine Plastikbeutel aus einer der Schubladen und legt sie auf der Ablage aus. Es handelt sich bei den Samen in den Säckchen um welche der Glockenblume. Campanula barbata steht auf allen. Der Rest unterscheidet sich aber. Es gibt zum Beispiel Samen aus Forcola di Livigno und welche vom Albulapass. Die Liste liesse sich noch lange fortführen. Hier wird Saatgut von sehr verschiedenen Arten – und verschiedenen Standorten aufbewahrt.


Laura Regli nimmt einen Beutel mit den dunkelbraunen Samen in die Hand. «Wenn ich nun also ein Bauprojekt zur Beratung auf dem Tisch habe, sagen wir in der Surselva, dann rufe ich zum Beispiel Markus an und frage ihn, welche Pflanzensamen er aus dem Gebiet hat. So können wir gemeinsam optimale Mischungen für den Standort anbieten», erklärt sie. Markus Schutz nickt zustimmend. «Im Grunde geht es darum, das zurückzugeben, was zuvor da war. Man kann sich Samenmischungen wie ein Rezept vorstellen. Wir achten zum Beispiel darauf, dass nicht zu viele schnell wachsende Pflanzen drin sind.»

Gelagert.
Gelagert.
Bild: Cindy Ziegler

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die Herstellung von einheimischem Saatgut ist aufwendig. Neben Schutz Filisur gibt es deshalb nur wenige andere Produzenten, die solches Saatgut herstellen. Insgesamt ist es eine Frage des Timings. «Wir müssen bei der Ernte zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Sind wir zu früh, sind die Samen noch nicht reif. Und sind wir zu spät, dann sind sie schon weg», sagt er und grinst. Zum Teil ist tatsächlich auch die Ernte Handarbeit. «Wenn wir spezifisch Samen von genau dieser einen Pflanze wollen, kommen wir nicht darum herum. Andernfalls können wir auch mit dem Mähdrescher ernten, da erwartet uns aber dann ein kleines Überraschungspaket», ergänzt er.


Im Allgemeinen hätte die Nachfrage nach einheimischem Saatgut in den letzten Jahren stark zugenommen. Wo früher alle reinen Rasen wollten, würden heute viele – Bauunternehmungen und Private – nach vielfältigen Blumenwiesen fragen. Anders war das noch in den 90er-Jahren, als der Vater von Markus Schutz mit der Produktion von einheimischem Saatgut begann. Kaum vorstellbar, wenn man sich heute in der grossen Saatgutbibliothek umschaut. Markus Schutz nimmt einen Ordner hervor. Bei allen Samen werden die Informationen aufgeschrieben: Entnahmeort, Höhenlage, Datum. «Daraus können Experten wie Markus noch mehr Informationen herauslesen. Zum Beispiel, ob der Boden sauer oder basisch war», meint Laura Regli, während der Gärtner den Ordner und die Samensäckli wieder am dafür vorgesehenen Ort verräumt.


Nach ein paar weiteren Schritten sind wir wieder bei den blühenden Blumen. In verschiedenen Beeten wird das einheimische Saatgut ausgebracht und so vermehrt. Wieder fallen Margeriten und Wiesensalbei ins Auge. Freude machen die Farben schon – umso mehr mit dem Wissen, woher die Samen stammen, die diese Blumenpracht hervorbringen.

Weitere Informationen zum einheimischen Saatgut unter: www.terra-viva.ch/semenza-retica oder www.schutzfilisur.ch

Laura Regli und Markus Schutz setzen sich für einheimisches Saatgut im Sinne der Biodiversität ein.
Laura Regli und Markus Schutz setzen sich für einheimisches Saatgut im Sinne der Biodiversität ein.
Bild: Cindy Ziegler
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