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Wenns nicht mehr läuft: Die Auswirkungen der Klimaveränderung auf Graubündens Quellen

Über fast versiegte Quellen und die schwindenden Lebensräume darum herum

Bündner Woche
26.05.25 - 04:30 Uhr
Klima & Natur

von Lara Buchli
 

«Weisst du eigentlich, was du da mit mir anrichtest? Bist du dir der Auswirkungen auch wirklich bewusst?», fragt die Quelle den Menschen angstvoll. «Ja klar!», gibt der Mensch zurück. «Und wozu musst du hier eine Fassung machen?», will die Quelle wissen und der Mensch antwortet prompt: «Damit ich zu trinken habe.» So in etwa könnte sich laut Laura Brosi-Hofmann eine Unterhaltung zwischen einer Quelle und einem Menschen anhören, wenn die Quelle eine Stimme hätte. Eine Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt. Gedanken, die sich die Landschaftsplanerin beruflich macht.  

«Quellen sind mehr als nur Wasserlieferantinnen – sie sind wertvolle, oft unscheinbare Lebensräume mit mystischem Charakter», meint Laura Brosi-Hofmann. «Plötzlich tritt Wasser aus dem Boden – niemand weiss genau, woher es kommt oder wohin es fliesst», fährt sie fort. Diese geheimnisvolle Qualität fasziniere nicht nur Kinder beim Entdecken kleiner Tierchen, sondern auch Erwachsene. Doch um den wahren Wert der Quelle zu erkennen, müsse man genau hinschauen. 

Umweltbildung und Sensibilisierung seien zentral, damit langfristig ein achtsamer Umgang entsteht. Wenn die Menschen weiterhin so viele Quellen nutzen und das Quellwasser als Trinkwasser ableiten, dann würden immer mehr Quellen austrocknen. Und dies wiederum hätte fatale Folgen für die Menschen, sowie die Tiere, die die Quelle als Lebensraum nutzen, aber auch für die Naur selbst. Quellen sind wichtige Elemente, die zu einem vielfältigen, naturnahen Landschaftsbild beitragen. Sie gestalten Landschaft – als Teil des Ganzen und als Beginn einer Lebensader: Wasser, das zum Fluss wird. «Aus ökologischer Sicht kann man sagen, dass die Quelle der Ort ist, an dem das Grundwasser zum ersten Mal zutage tritt. Dort herrschen ganz besondere Bedingungen.» 

Die Quelle – der Beginn des Lebens

Das Wasser in einer Quelle ist sehr kühl. Die Temperaturen liegen zwischen vier und acht Grad Celsius. Es hat noch keine Nährstoffe angereichert und auch noch keinen grossen Sauerstoffanteil. Und auf diese Bedingungen haben sich nur rund 100 Tier- und Pflanzenarten spezialisiert. Davon sind circa 70 Prozent auf der Roten Liste, wie Laura Brosi-Hofmann erklärt. «Eine Quelle birgt unheimlich viele verschiedene Lebensräume.» Und all diese Lebensräume würden in einem grossen Mosaik zusammenkommen. 

Die klimatische Veränderung und deren Auswirkung auf die Stabilität und Qualität der Quellen sei noch nicht so gross erforscht worden, fährt sie fort. Tatsache sei aber, dass im Sommer 2022 die höchsten Temperaturen seit Messbeginn gemessen wurden. Gewisse Quellen seien durch die Trockenheit und Hitze dabei vollständig versiegt. «Gewisse Tierarten können zwar ein oder zwei Monate ohne Wasser überleben, aber wenn sich so eine Trockenzeit in die Länge zieht, sterben irgendwann auch diese Tiere», erzählt die Mitarbeiterin des Amtes für Natur und Umwelt.

Ruhig und doch voller Leben: ein Quellbach.
Ruhig und doch voller Leben: ein Quellbach.
Bild: Laura Brosi-Hofmann
Die Quelle: Lebensraum für Steinfliegenlarven.
Die Quelle: Lebensraum für Steinfliegenlarven.
Bild: Laura Brosi-Hofmann

Durch den Rückgang der Quellen würden jedoch nicht nur Flora und Fauna leiden, sondern auch wir Menschen. Besonders in Graubünden. Der Bergkanton zieht sein Trinkwasser nämlich zwischen 80 bis 90 Prozent aus dem Grundwasser, das aus den Quellen entspringt. «An einer Quelle hängt viel Leben dran – auch unser eigenes», fasst Laura Brosi-Hofmann zusammen. Doch es gebe nicht nur weniger Trinkwasser, führt sie weiter aus, auch der Tourismus würde das Schwinden der Quellen zu spüren bekommen. Im Unterengadin gelten die Heilquellen als wichtiges Kulturgut. Ohne dieses Gut würden sich weniger Touristen und Touristinnen ins Unterengadin begeben. 

An der Abnahme der Quellen ist nicht nur der Klimawandel Schuld. «Es ist immer alles ein Prozess mit Ursache und Wirkung – manche Prozesse laufen in der Natur auch verzögert ab», erklärt die Landschaftsplanerin. Aber auch die Menschen tragen ein Stück weit zur Abnahme bei. Bei einer Fassung wird mit Sickerröhren das Grundwasser umgeleitet. Bei einer vollständigen Fassung wird der Lebensraum rund um die Quelle gestört und verschwindet in manchen Fällen sogar ganz. Und das wäre extrem schade, meint Laura Brosi-Hofmann. In der Vergangenheit hat sie schon zahlreiche Quellen besucht, aber eine ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Der Ursprung des Rheins. Der Tomasee. Hoch oben in den Schweizer Alpen wird aus einer kleinen Quelle ein grösserer Bach und fliesst von dort gleich wieder in den Stausee Curnera. Danach schlängelt er sich durch das Churer Rheintal und mündet irgendwann – viele Hunderte Kilometer weiter – in die Nordsee in den Niederlanden. «Der Gedanke daran, wie viel Leben von dieser Wasserstrasse abhängt, ist atemberaubend. Und auch beängstigend», meint sie gleich anschliessend und sie senkt ihren Blick. «Wenn diese Quelle nicht erhalten bliebt, verlieren wir unglaublich viele Lebensräume und noch mehr Lebewesen, die darin wohnen.» Um dies zu verhindern, werden verschiedene Massnahmen getroffen, klärt Laura Brosi-Hofmann auf. 

Es gebe natürlich immer irgendwelche technischen Möglichkeiten, dem Schwinden der Quellen entgegenzuwirken. Man müsse sie nur umsetzen. Deshalb sei es für sie auch als Privatperson wichtig, über Quellen zu sprechen. Denn nur, wenn darüber berichtet werde, könne das Bewusstsein in der Gesellschaft wachsen. 


Existenz der Quellen fördern

Auf den von Kühen bewirtschafteten Weiden befänden sich oftmals unterirdische aber auch viele sichtbare Quellen. Damit das Vieh auf den Weiden zu trinken hat, werden Tränken aufgestellt, die direkt vom Grundwasser speisen. «Wenn der nasse Bereich der Quelle ausgezäunt wird, kann die Quelle und der Lebensraum darum herum weiterhin bestehen und die Tiere haben trotzdem zu trinken. Wenn die Kühe aber mit ihren Klauen in den durchnässten Stellen stehen, wird der Lebensraum darunter mehr und mehr zunichte gemacht.» Dies können die Personen in der Landwirtschaft verhindern, um die Existenz der Quellen zu fördern. 

Auch Privatpersonen können helfen – etwa durch die Regenwassernutzung im Garten oder effiziente Sanitäranlagen. «Verstand und Bewusstsein genügen», sagt Laura Brosi-Hofmann. Wenn man nur schon ein wenig über den eigenen Wasserverbrauch nachdenkt, kommen einem bestimmt gute Ideen, wie man ihn reduzieren könnte. Ihr Wunsch für die Zukunft: mehr Forschung, mehr Achtsamkeit, weniger Verschwendung. Deshalb lauten ihre Worte zum Abschluss folgendermassen: «Wir sind auf einem guten Weg, aber unser Handeln hat noch Potenzial.»

Über die Massnahme

Massnahme 4 soll Quellen als wertvolle Lebensräume schützen und nachhaltig nutzen. Dazu will der Kanton das Wissen über ihre ökologische Bedeutung fördern und die Bevölkerung sensibilisieren. Ein Quellverzeichnis, eine Aufwertungsdatenbank, ein Pilotprojekt sowie Infomaterial und Weiterbildungen sind geplant – vieles davon ist bereits in Umsetzung. Die Massnahme läuft bis 2028 und wird regelmässig überprüft. 

Mehr dazu: www.terraviva.gr.ch

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