Von der Brache zur Blüte: wertvolle Wiesen und Weiden
Der Kanton Graubünden lässt brachliegende Trockenwiesen und -weiden zugunsten der Biodiversität pflegen und hegen
Der Kanton Graubünden lässt brachliegende Trockenwiesen und -weiden zugunsten der Biodiversität pflegen und hegen
von Susanne Turra
Die Wiese ist frisch und grün. Die Luft warm und voller Summen und Zirpen unzähliger Insekten. Schmetterlinge flattern in leuchtenden Farben von Blüte zu Blüte. Fast scheint es, als würden sie tanzen. Hummeln ziehen brummend durch das hohe Gras. In einem alten Baumstumpf tummeln sich Käfer, Ameisen und Asseln. In der Luft kreisen Schwalben auf der Jagd nach Mücken. Bienen schwärmen um eine blühende Wildrosenhecke. Daneben krabbelt ein leuchtend grüner Grashüpfer an einem Halm empor. Libellen schwirren über einen kleinen Bach. Die Natur ist voller Leben, Bewegung, Klang und Farben. Ein harmonisches, lebendiges Mosaik der Biodiversität. Wirklichkeit oder doch eher ein Traum?
Verarmt, vergandet, verwaldet
«Trockenwiesen und -weiden sind magere Standorte, die eine sehr hohe Biodiversität aufweisen», betont Martina Monigatti, Projektleiterin Biotop- und Artenschutz beim Amt für Natur und Umwelt in Chur. «Da können sich auf zehn Quadratmetern bis zu 68 Pflanzenarten zeigen. Pflanzen, die für Reptilien, Insekten und Vögel wertvolle Lebensräume bieten.» Das klingt doch schon mal gut und kommt unserem Traum ein ganzes Stück näher.
Allerdings sind diese Standorte oftmals im steilen, unwegsamen Gelände zu finden. Und wenn diese sogenannten Kulturbiotope keine Nutzung bekommen, nicht gemäht oder geweidet werden, dann werden sie zu Brachen. Verarmt, vergandet, verwaldet. Früher hat das ganz anders ausgesehen. Die Bauernfamilien haben ihre Tiere in die Steilhänge getrieben und sie dort weiden lassen. Es wurde Holz gesammelt. Und Laub. Auch die abgelegenen und steilen Flächen wurden damals genutzt. Die Familien verbrachten viel Zeit auf den Maiensässen. Im Frühling und Herbst. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft, der Mechanisierung, dem Zusammenlegen, der Intensivierung, ist alles anders geworden. Viele der unwegsamen Flächen wurden aufgegeben und vergessen. Der Aufwand war zu gross.
Eine grosse Verantwortung
«Die Zeit können wir nicht zurückdrehen», sagt Martina Monigatti. «Aber wir können heute wieder etwas für die Artenvielfalt tun.» Gesagt, getan. Die Trockenwiesen und -weiden werden in ein Biotop-Inventar aufgenommen. Die regionalen, lokalen, kleineren Flächen ins kantonale Inventar. Und die Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung zudem ins Bundesinventar. Für Letztere hat Graubünden den Auftrag, diese zu erhalten. Dasselbe gilt übrigens auch für die Flachmoore im Kanton. Wir wollen uns hier aber hauptsächlich den Trockenwiesen und -weiden widmen. Rund 11 Prozent der national bedeutsamen Trockenwiesen und -weiden in Graubünden sind verbracht. Das kantonale Amt für Natur und Umwelt macht sich an die Arbeit. In den Jahren 2015/16/17 gibt es Pilotprojekte dazu. Und 2018 wird das Brachenprojekt ins Leben gerufen. Jetzt wird systematisch vorgegangen. Dazu gleich ein paar Zahlen. In Graubünden gibt es fast 10 000 Hektare Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung. Das ist etwa ein Drittel der Flächen in der ganzen Schweiz. Zum Vergleich: Ein Fussballfeld hat eine Grösse von 0,714 Hektaren. Es darf gerechnet werden. «Unsere Kantonsfläche beträgt 17 Prozent der Schweiz. Und wir haben 35 Prozent der Trockenwiesen und -weiden bei uns», betont Martina Monigatti. «Wir tragen eine grosse Verantwortung.»
Und was passiert jetzt genau mit den brachliegenden Flächen? «Bei einem Drittel können wir nichts mehr machen», erklärt die Projektleiterin. «Diese Flächen sind entweder bereits zu Wald geworden oder derart felsig und steil, dass eine Bewirtschaftung schlicht zu gefährlich ist.» Bei einem Drittel wird eine Minimalpflege durchgeführt. Diese Flächen sollen für die Artenvielfalt erhalten und gepflegt werden. Das heisst, mindestens alle paar Jahre werden sie gemäht und bei Bedarf entbuscht. So, dass nichts mehr einwächst. Für diese Arbeiten stehen oftmals Zivildienstleistende, Jägerinnen und Jäger, Naturvereine, Freiwillige, Schulen oder Asylbewerber im Einsatz. Das letzte Drittel wird durch die Bauern und Bäuerinnen wieder der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt. So wie früher. Das ist nachhaltig. Und das entspricht dem Ursprung. «Die Landwirtinnen und Landwirte sind unsere wichtigsten Partnerinnen und Partner», sagt denn auch Martina Monigatti. «Nur dank ihrer früheren Nutzung gibt es überhaupt solche Flächen. Und heute können sie wieder zu dieser Nutzung zurückfinden.»
Damit niemand vergessen geht
Wie auch immer. Die Planung ist gemacht. Die Objekte sind aufgelistet. Und zahlreiche Massnahmen erfolgt. Die einzelnen Projekte werden von ökologischen Fachpersonen im Auftrag des Amts für Natur und Umwelt bearbeitet. «Wir informieren die Gemeinden immer im Vornherein über die Projekte», erklärt Martina Monigatti. «Dazu gehen wir in die einzelnen Regionen und reden dort mit den Verantwortlichen. Dem Forstamt, der Wildhut und den Landwirtinnen und Landwirten. Und auch die Eigentümerschaft wird informiert.» Planung. Umsetzung. Ausführung. Finanzierung. Arbeiten nach Pflichtenheft. So sieht es das Konzept vor. «Damit auch wirklich niemand vergessen geht», sagt Martina Monigatti und lacht. Sie kramt eine Liste mit den aufgeführten Gemeinden hervor. Avers, Bregaglia, Cazis, Grüsch, Lantsch/Lenz, Mesocco, Scharans, Scuol, Tamins, Zernez. Um hier nur einige zu nennen. Von A bis Z sind alle Gemeinden aufgelistet und gleich der Stand der Arbeiten dazu. Bis 2024 sind insgesamt 268 Objekte im Brachenprojekt bearbeitet worden. 217 Trockenwiesen und -weiden sowie 51 Flachmoore. Davon ist die Umsetzung um rund einen Drittel beendet. «Es geht ein paar Jahre, bis alles wirklich abgeschlossen ist», so die Projektleiterin. «Bis man den Zustand erreicht hat, den man möchte, kann es dauern.»
Dass draussen etwas passiert
Übrigens geht Martina Monigatti gerne raus aufs Feld. Wegen der vielen Büroarbeit kann sie es aber nicht sehr oft tun. «Am liebsten mache ich eine Feldbegehung vor und nach der Bearbeitung der Flächen», verrät sie. «Dann sehe ich den Unterschied. Ein anderes Bild. Das sind die Früchte unserer Arbeit. Und das ist unser Ziel. Dass draussen etwas passiert.» Dabei geht es nicht um einen Kahlschlag. Es werden auch Strukturen beibehalten. Letztendlich geht es um dieses Spiel von Licht und Schatten. Diese Übergänge, diese Vielfalt. Diese Mosaike. Das macht die Biodiversität aus. Und nur so wird unser Traum von tanzenden Schmetterlingen, kreisenden Schwalben und schwirrenden Libellen Wirklichkeit.
Informationen unter www.gr.ch.
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