×

Das Jahr ohne Sommer: Als der Winter niemals enden wollte

Ein bitterkalter Sommer prägte 1816 Graubünden. Regen und Schnee statt Sonne, Hunger und Not statt Ernte. Wodurch wurde diese ungewöhnliche Wetterlage verursacht? Ein Rückblick auf die Wetterwende von 1816 zeigt Erstaunliches.

Bündner Woche
10.04.25 - 04:30 Uhr
Klima & Natur
Ein Super-Vulkan: Der Tambora war damals 4300 Meter hoch und schrumpfte nach dem Ausbruch auf knapp 2800 Meter.
Ein Super-Vulkan: Der Tambora war damals 4300 Meter hoch und schrumpfte nach dem Ausbruch auf knapp 2800 Meter.
Illustration Lara Buchli

Von Lara Buchli

Heute: April 2025. Hier unten im Churer Rheintal ist der Schnee längst geschmolzen. Und auch auf den Bergspitzen oben verschwindet er langsam. Doch das war nicht immer so. Ein Besuch im Staatsarchiv Graubünden und das Buch «Das Jahr ohne Sommer – die Hungerkrise 1816/17 im mittleren Alpenraum», geschrieben von Florian Frommelt, Florian Hitz, Michael Kasper und Christof Thöny, hat Erstaunliches gezeigt. Aber beginnen wir ein paar Jahre in der Vergangenheit.
Graubünden im August 1816. Es hat wieder geschneit. Und das schon zum 40. Mal diesen Sommer. Insgesamt gab es in diesem Halbjahr genau drei Tage, an denen keine Wolken am Himmel hingen und die Sonne ihre Strahlen ausstrecken konnte. Die Felder sind schon lange Zeit mit Schnee bedeckt und die Äcker sind ständig gefroren. Bereits die vergangenen drei Jahre brachten schlechte Ernte, doch jetzt wird alles nur noch schlimmer. Die Leute konnten sowieso schon keine Vorräte anlegen und jetzt schneit es auch noch im Sommer. Genau während der Zeit, in der die Bevölkerung für einen kurzen Moment verschnaufen könnte. Die Rede ist vom «Jahr ohne Sommer», welches von 1816 bis 1817 dauerte. Übrigens nicht nur in Graubünden, sondern weltweit. Aber von vorne.

In St. Antönien hat es im Sommer 1816 ganze 27 Mal bis ins Dorf geschneit.

Die Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts

Erst 100 Jahre später fand man die wahre Ursache heraus: Im heutigen Indonesien war der damals ungefähr 4300 Meter hohe Vulkan ausgebrochen und hüllte einen Grossteil der naheliegenden Länder in Asche. Der Tambora gilt als Super-Vulkan und befindet sich auf der Insel Sumbawa und galt lange Zeit als schlafender Vulkan. Doch bereits im Jahre 1812 bemerkten vorbeifahrende Schiffe, dass Rauch aus dem Kegel des Vulkans stieg. Drei Jahre später wurde dann die Spitze des Berges abgesprengt. Doch bekanntlich kommt ein Übel selten allein. Und so kam es, dass der Ausbruch ein Erdbeben und einen Tsunami mit sich brachte. Die Emission des Tamboras hat anschliessend das gesamte Klima beeinflusst. So sehr, dass eine riesige Asche- und Gaswolke auch in der nördlichen Hemisphäre die Sonneneinstrahlung abgefangen hat und das Land darunter nur eine abgeschwächte Ladung davon abbekommen hatte. So auch die Schweiz. Die Temperatur in Chur während der Jahresmitte sank um fast zwei  Grad Celsius und im Juli um fast fünf Grad Celsius, im Vergleich zur damaligen Durchschnittstemperatur. Im Hochgebirge sammelten sich riesige Schneemassen an und die Gletscher wuchsen rasant. Doch es schneite nicht nur übermässig viel. Im Jahr 1816 gab es auch sehr starke Regenschauer. Aber es war kein gewöhnlicher Regen. Aufgrund der Asche- und Gaswolken des Vulkanausbruchs gab es sauren Regen. In den höher gelegenen Alpweiden gab es im Sommer jedes Mal eine Ladung Schnee, wenn es im Tal unten regnete. Im Winter 1815 konnte man sogar den Emser Rhein überqueren, da er vollständig zugefroren war. Ausserdem heisst es im Buch, «dass die Silser Frauen ihre Wäsche zum Bleichen darauf (auf den Schnee) legen konnten».

In Graubünden schneite es zwischen den Monaten Mai und September 40 Mal.

Obwohl es heute noch verschiedene Glaubensansätze gibt, schienen sie früher, und das eben auch im Jahre 1816, noch stärker verankert gewesen zu sein. Als die Ernten ausblieben und sich die Speicher der Bevölkerung in der Bündner Bevölkerung immer mehr leerten, begannen sich einige Leute zu fragen, wieso das geschehe. Irgendjemand kam dann auf die Idee, dass es wohl eine Bestrafung Gottes sein muss, dass der Sommer so karg ausfällt und die Böden ständig gefroren sind. Das schien aus irgendeinem Grund die einzige plausible Erklärung. Tatsächlich aber war die Ursache eine andere. Und diese hiess Tambora.

Weisser Sommer: Acker voller Schnee.
Weisser Sommer: Acker voller Schnee.
Illustration Lara Buchli

Im Oberengadin fiel in jedem einzelnen Monat des Jahres Schnee.

Das Hungerjahr

Die Klimaturbulenzen brachten die Natur völlig aus dem Konzept. Und so kam es, dass die Ernten auch im Folgejahr, also 1817, nur sehr spärlich ausfielen, wenn man denn überhaupt etwas ernten konnte. Das sogenannte Hungerjahr stand an. Ab Mitte Sommer sahen die Äcker immer noch jämmerlich aus und das liess nichts Gutes erahnen für den kommenden Winter. Die meiste Zeit war der Boden von Schnee bedeckt und man musste die Karotten und Kartoffeln, die trotzdem wuchsen, aus dem Schnee ausgraben. Die meisten Möhren waren jedoch bereits unter der Erde verfault. Die Bevölkerung sah sich irgendwann gezwungen, sich von Kräutern, Tannenreisig, Baumrinde oder ausgekochten Tierknochen zu ernähren. Mit Unterernährung hatten nicht nur die Menschen zu kämpfen, sondern auch die Tiere. Die Sterblichkeit des Viehs erhöhte sich rasch und brachte die Landwirtschaft zusätzlich ins Wanken. Die Tiere, die kräftig genug waren, wurden tagsüber auf die Weide geschickt und am Abend wieder ins Tal geführt. Im Buch heisst es unter anderem: «Nur das Fell hielt die abgemagerten Tiere zusammen.» Und in einem weiteren Abschnitt liest sich Folgendes: «Einer stiehlt einem Hund den Knochen aus dem Maul, zerschmettert ihn mit einem Stein und saugt das Mark aus.» Weiter unten steht dann: «Wieder andere knien nieder und fressen auf allen vieren Gras wie Ochsen.» 
Die Lebensmittelpreise explodierten und stiegen 1816 in der Ostschweiz bis auf das Achtfache an. Die kantonalen Behörden waren auf die wachsende Not nicht vorbereitet. Ein Jahr darauf verbot die Regierung dann den Bauern und Bäurinnen, ihre Kartoffeln auszufahren und zu verkaufen. Die Stadt Chur stellte zum Schutz vor Diebstählen eine spezielle Polizei auf die Felder, damit niemand auf die Idee kam, die wertvollen Kartoffeln zu klauen. In der Hälfte des Sommers gaben die ersten Kühe bereits keine Milch mehr. Ausserdem steht da noch, dass die Äcker so jämmerlich aussahen, dass die Leute bei ihrem Anblick zu weinen begonnen haben. Die Leute, die nicht dem Hunger zum Opfer fielen, starben an einer sich ausbreitenden Epidemie.

Am 2. August gab es in Sils immer noch kein Heu.

Der kalte Feind

Der viele Schnee sorgte nicht nur für unfruchtbaren Boden, sondern auch für viele Lawinentote. Im Engadin stiessen die Lawinen bis zum Inn hinunter vor. Und als der Schnee dann endlich zu schmelzen begann, stiegen die Flüsse an und es kam zu Überschwemmungen. Die riesigen Wassermassen zerstörten sämtliche Rheinbrücken mit Ausnahme einer Brücke zwischen Disentis und Reichenau. Nicht nur die Schweiz war von den Folgen des Vulkanausbruchs betroffen. Weltweit litten die Menschen unter Hungersnot, aber auch an Angst. Angst davor, dass die Welt bald untergehen würde.

Die Brotpreise stiegen auf das Zehnfache an.

Die Wende

Bekanntlich kommt ja alles zu einem Ende. Also auch das Schlechte. Und so war es dann auch mit dem Jahr ohne Sommer. Und aus dieser Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts ist tatsächlich auch etwas Gutes heraus entstanden: Zum einen wurden ganze Strassensysteme errichtet und in der Schweiz, aber auch in Österreich hat man grosse Alpenpassstrassen erbaut. Zum Beispiel durch die Strassenbaudirektion Mailand. Und zu guter Letzt hat man Arbeitbeschaffungsmassnahmen eingeführt. Also waren auch durchaus gute Ideen dabei.

Insgesamt starben mehr Leute (auf der Welt) im Jahr 1816 als in den beiden Weltkriegen zusammen.

Inhalt von buew logo
Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Klima & Natur MEHR