Lebendiger Boden: Warum das Erdreich mehr ist als nur Dreck
Wie lebt es sich eigentlich unter der Oberfläche? Und warum ist der Boden unter Druck? Nina von Albertini ist Bodenphysikerin und gräbt mit der «Büwo» in die Tiefe
Wie lebt es sich eigentlich unter der Oberfläche? Und warum ist der Boden unter Druck? Nina von Albertini ist Bodenphysikerin und gräbt mit der «Büwo» in die Tiefe
von Cindy Ziegler
Der warme Wind pfeift Nina von Albertini um die Ohren. Sie steht inmitten einer Naturwiese, wo Löwenzahn und Apfelbäume blühen. Vor sich einen Spaten und ein Loch im Boden. Der Wind und die Erde, beides ist hier im Domleschg besonders. Im Föhntal sind die Winter kalt und die Sommer warm. Und trocken ist es eigentlich das ganze Jahr hindurch. «Solche Böden wie hier sind in der Schweiz nur selten in trockenen Alpentälern zu finden. Die Humusschicht ist viel mächtiger entwickelt als beispielsweise im Mittelland oder im Tessin», erklärt die Bodenphysikerin. Neben dem Loch liegt die Erde, die sie zuvor ausgehoben hat.
40 Zentimeter tief schaut die Paspelserin ins Erdreich hinab und zeigt mit einem Spachtel in ihrer Hand auf ein kleines Loch in der Wand. «Das hier ist ein Regenwurmgang. Man sieht, wie die Wurzeln der Pflanzen ihm entlang gewachsen sind.»
Der Boden, unsere Basis
Noch kurz bleiben wir an der Oberfläche. Beim Boden, auf dem wir normalerweise stehen und springen, bauen und bewirtschaften, leben und lernen. Der Boden ist unser Grund. Aber eigentlich noch aus anderen Perspektiven unsere Basis. Zwei von drei bekannten Tierarten leben im Boden. Und in nur einem Gramm Erde tummeln sich 2000 bis 18 000 Arten. Dies ist einem Artikel im Magazin von Pro Natura zu entnehmen. Ein beeindruckendes, vielschichtiges Ökosystem also, dem sich Nina von Albertini seit Jahren verschrieben hat.
Ein Mikrokosmos, in dem alle ihre Aufgabe haben
Vorsichtig bricht sie die ausgestochene Erde in zwei Teile. «Schauen Sie, hier haben wir zwei Regenwürmer», sagt sie und deutet auf die Tiere. Sie weiss viel über sie zu erzählen. Wie sie mit ihren Gängen wichtige Arbeit leisten im Mikrokosmos Boden. Sie verwandeln Grün zu Braun und machen aus abgestorbenen Pflanzenteilen Humus. Mit ihrem Kot kleiden sie die Gänge aus und machen sie stabil, sodass neben den Wurzeln der Pflanzen auch das Wasser bis tief hinab in den Boden gelangen kann. «Jedes Tier, jede Pflanze und jeder Pilz hat spezifische Aufgaben. Sie alle tragen auf ihre Weise zu einem fruchtbaren Boden bei. Denn ein Boden, der nicht belebt ist, kann nichts hervorbringen. Da wächst nichts mehr.»
Ein Boden, auf dem nichts mehr wachsen kann. Ein Bild, das nicht schön ist, vielerorts aber schon Realität ist. Der Boden ist unter Druck. Das beobachtet auch Nina von Albertini. Sie deckt die beiden Regenwürmer wieder mit Erde zu, um sie vor der wärmenden Sonne zu schützen. Und dann beginnt sie aufzuzählen, was alles dazu führt, dass es dem Boden und allen Lebewesen in ihm immer schlechter geht. Klar habe der Klimawandel einen Einfluss auf den Boden. Und da trage der Mensch leider viel dazu bei. Genauso wie bei allem andere, das den Boden unter Druck setzt. Wir produzieren Schadstoffe, die sich freisetzen und im Boden ablagern. Die intensive Landwirtschaft verwendet Pestizide und Kunstdünger, welche die Bodenfruchtbarkeit in Bedrängnis bringen. Wir befahren den Grund mit immer noch grösseren Maschinen und versiegeln die Natur weiter mit Gebäuden und Strassen.
Die Bodenphysikerin zeigt auf die naturbelassene Wiese, den Bio-Bauernhof und die Strasse, die zu ihm hochführt. Sie ist nicht geteert. Gemeinsam mit anderen im Weiler Dusch hat sich Nina von Albertini dafür eingesetzt, dass dort Kies und nicht Beton liegt. «Man kann auch als Einzelperson einiges für den Boden machen», sagt sie. Das fange bei einer gesund produzierten Ernährung an, gehe weiter beim Konsumverhalten und bei der politischen Partizipation. «Mir geht es um einen respektvollen Umgang mit dem Boden.»
Mehr Verständnis schaffen
Nina von Albertini greift in die Erde und führt sie zu ihrer Nase. «Wenn der Boden gesund ist, stinkt er nicht», erklärt sie. Zufrieden nickt sie mit dem Kopf. Dann nimmt sie eine Handvoll Erde und zerreibt sie mit den Fingern. Sie spricht über die Struktur, während die Körner in ihrer Hand immer feiner werden. «Viele Menschen haben heute gar keinen Bezug mehr zum Boden. Für sie ist Erde einfach Dreck, der wegmuss. Ich glaube, da muss sich etwas ändern», sagt die Expertin, während sie die Erde wieder auf den Boden rieseln lässt. In den vielen Jahren seit ihrem Agrarstudium an der ETH hat Nina von Albertini mit ihrem Umweltingenieurbüros unzählige Bodenflächen untersucht. Gefühlt, gerochen, angeschaut. Beobachtet, experimentiert, analysiert. «Ich bin einfach fasziniert vom Boden. Und davon, welchen Einfluss er auf alles hat, was auf ihm entsteht.» Das sei damals auch der Grund gewesen, weshalb sie sich in ihrer Forschung auf dieses Thema spezialisierte.
Ein gesunder Boden ist nicht Dreck, sondern hat lebenswichtige Funktionen. Er ist ein wichtiger Wasserspeicher. Ein Schadstoff-Filter. Ein Raum, wo (Kultur-) Pflanzen gedeihen. Und ein System, in dem unzählige Tiere leben. Ein langfristig gut bedeckter Boden ist zudem ein CO2-Speicher. Wenn wir mit unseren Füssen auf dem Erdboden stehen, befinden sich mehr Lebewesen unter uns, als Menschen auf der ganzen Welt leben. «Dafür müssen wir mehr Verständnis in unserer Gesellschaft schaffen», sagt Nina von Albertini. Sie macht das auf ihre Art. Als Agraringenieurin begleitet sie grosse Infrastruktur- und Bauprojekte ausserhalb der Bauzone und setzt sich für deren Umweltverträglichkeit und sorgfältige Integration in Natur und Landschaft ein. In diesem Zusammenhang hat sie auch Massnahmen entwickelt, die dem Boden zugutekommen sollen. Methoden, die «anders umgehen mit dem Boden und der Vegetation». Beim Bau der Julierpassstrasse vor ein paar Jahren sei so beispielsweise das Prinzip der direkten Umlagerung erstmals grossflächig umgesetzt worden. «Wir haben die Vegetation mit dem gesamten Wurzelraum ausgehoben und genau so an einem anderen angepassten Ort wieder abgelegt. Das Biotop und die Verbindungen zwischen Tieren, Pflanzen und Pilzen wurden so nur minimal gestört.» Sie hebt den Zeigefinger und fügt hinzu: «Übrigens ist das auch bauseitig eine sehr effiziente Methode.» Ein bisschen lässt sie das Loch in der Erde noch offen. Die Nachbarskinder sollen einen Blick in den Boden werfen können, meint sie.
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