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Die Kalte Sophie und die Wetterkapriolen des Frühlings

Am 15. Mai ist ihr Namenstag und da sorgt sie meist für gehörig Frühlingsfrost – ein Gespräch mit der Kalten Sophie, einer Eisheiligen.

Bündner Woche
15.05.25 - 04:30 Uhr
Klima & Natur

von Susanne Turra

Eigentlich hat sie ja gar keine Zeit für ein Interview. Denn zusammen mit ihren vier Kollegen, Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius, ist sie momentan äusserst beschäftigt. Die Kalte Sophie. Sie ist die letzte der fünf Eisheiligen. Da kommt die Anfrage für ein Gespräch natürlich zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Für die «Bündner Woche» macht die Vielbeschäftigte nach langem Hin und Her dennoch eine Ausnahme.*

Liebe Kalte Sophie, warum hat man Ihnen das Attribut «kalt» zugeordnet? Das ist ja nicht gerade schmeichelhaft.

Ja. Das finde ich auch. Aber das hat überhaupt nichts mit meiner Gefühlslage oder meiner Ausstrahlung zu tun. Denn eigentlich heisse ich ja Sophia von Rom. Nur der Volksmund nennt mich die Kalte Sophie.

Warum denn das?

Wegen meines Gedenktages. Oder auch Namenstages. Wie Sie wollen.

Das verstehe ich jetzt nicht.

Ganz einfach. Mein Gedenktag ist der 15. Mai. Ein Datum, das traditionell mit einem letzten möglichen Kälteeinbruch im Frühling verbunden ist. Noch Fragen?

Ja! Können Sie das ein bisschen genauer erklären?

(Schaut auf die Uhr). Meinetwegen. Aber nur die Kurzfassung. Ursprünglich bin ich ja eine Märtyrerin ohne Bezug zum Wetter. Und übrigens. Der Name Kalte Sophie ist keine theologische Bezeichnung. Nein. Der ist auf dem Mist des Alten Bauernkalenders gewachsen. Dies, weil die Bauernregeln die Mitte-Mai-Tage mit der Gefahr von spätem Frost verbinden. Daraus sind dann irgendwie die Eisheiligen entstanden. Ach, fragen Sie mich doch etwas Einfacheres.

Mitte-Mai-Tage? Eisheilige? Was bedeutet das genau?

Sind das jetzt drei Fragen? Egal. Die Eisheiligen sind eine Gruppe von Heiligen, die in der Bauernregel mit einer typischen Kälteperiode Mitte Mai in Mitteleuropa in Verbindung gebracht werden. Diese Tage werden von Landwirten und Gärtnerinnen traditionell beachtet, da die späten Kaltlufteinbrüche Frostschäden an jungen Pflanzen verursachen können. Die Eisheiligen gelten als eine wichtige Orientierung für die Aussaat und den Schutz von empfindlichen Kulturen.

Also haben Sie das jetzt von irgendwo abgelesen?

(Lächelt verlegen). Ja. Ich gebe es zu. Da hat mir die Künstliche Intelligenz ein bisschen geholfen.

Jetzt mal ernsthaft. Können wir ein klein wenig verständlicher über die ganze Angelegenheit sprechen?

Sicher. Fragen Sie.

Wer sind die fünf Eisheiligen?

Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und meine Wenigkeit.

Und wofür stehen Sie?

Ich stehe gegen Spätfrost und für das Gedeihen der Feldfrüchte. Das heisst, mit mir ist die Gefahr der Boden- und Nachtfröste endlich vorbei. So sagen es zumindest die Bauernregeln.

Sind Sie deshalb die Letzte?

(Ist nicht amüsiert). Wie meinen Sie das, die Letzte?

Die letzte aus der Eisheiligen-Gruppe.

Ach so, ja. Das bin ich natürlich. Weil mein Gedenktag vom 15. Mai der letzte der Eisheiligen ist. Meine vier Kollegen sind ja alle früher dran als ich. Wenn ich vorbei bin, sollte auch der Frost vorbei sein. Und die Pflänzchen können guten Gewissens raus.

Die da wären?

Direkt ins Freiland aussäen kann man nach den Eisheiligen nach Herzenslust Spinat, Radieschen, Karotten, Kraut, Rettich und einjährige Blumen. Und auch die Mimosen unter den Nutzpflanzen dürfen dann ins Freie. Etwa Zucchini, Salate, Tomaten und anderes kälteempfindliches Gemüse sowie in Töpfen vorgezogene Kräuter. Wer sie als Jungpflanzen ins Beet setzt, sollte sie vorsichtshalber aber noch bis Ende Mai mit Vlies oder Zeitung vor Frost schützen.

Ist das auch dieses Jahr so?

Ein Blick auf die Wetterprognose zeigt, dass ich dieses Jahr ganz bestimmt nicht kalt bin. Am 15. Mai soll die Temperatur nachmittags gar auf 20 Grad ansteigen. Die Gefahr ist aber noch nicht vorbei. Als nämlich die Bauernregeln entstanden sind, galt der Julianische Kalender. Mit dem 1582 eingeführten, heute üblichen Gregorianischen Kalender verschieben sich die Gedenktage nach vorn. Meiner fällt demnach eigentlich erst auf den 28. Mai und steht uns damit noch bevor. Weiter sind Gewitter und Windböen angesagt.

Dann haben wir also mit einer kühlen und wilden und vielleicht verspäteten Sophie zu rechnen?

(Lacht). Das könnte hinhauen. Aber versprechen kann ich nichts.

Und wie ist das nochmals mit der Schafskälte?

(Rollt mit den Augen). Die kommt frühestens zwischen dem 4. und 20. Juni. Und die hat mit mir auch überhaupt nichts zu tun. Ich bin doch kein Schaf.

*Das Gespräch mit der Kalten Sophie ist selbstverständlich rein fiktiv und auch nicht überall ganz ernst zu nehmen.

Die Märtyrerin

Sophia von Rom war eine junge Frau und überzeugte Christin aus dem 4. Jahrhundert. Um 304 nach Christus starb sie als Märtyrerin. Während der Diokletianischen Christenverfolgung wurde sie enthauptet. Wahrscheinlich, weil sie sich weigerte, den Kaiser als göttlich zu verehren. Sie wurde auf dem Friedhof der Heiligen Gordianus und Epimachus bestattet. Ihr Gedenktag ist der 15. Mai. 

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