Churer Schattenseiten: Wie die Sonne das Wohnen prägt
Schon gemerkt? In Chur gibt es Quartiere, die monatelang im Schatten liegen. Schuld sind die Berge – und die Bebauung. Ein Spaziergang mit der Stadtplanerin bringt Licht ins Dunkle.
Schon gemerkt? In Chur gibt es Quartiere, die monatelang im Schatten liegen. Schuld sind die Berge – und die Bebauung. Ein Spaziergang mit der Stadtplanerin bringt Licht ins Dunkle.
Von Susanne Turra
Wer in Chur aufgewachsen ist, kennt es. Im Winter gibt es in der Stadt Quartiere, die monatelang keine Sonne haben. Mit Betonung auf «haben». Zu sehen ist die Sonne natürlich auch in den kalten Monaten. Anstelle von Nebel herrscht über Chur ja meistens blauer Himmel. Und so ist es immer wieder zu sehen, dieses Spiel von Licht und Schatten. Klar. Die Stadt liegt auf knapp 600 Metern Höhe. Und sie ist eingebettet in Berge, die bis auf über 3000 Meter Höhe ragen. Die Churer Hausberge reichen bis an den Rand der Stadt. Sie heissen Montalin, Pizokel und Calanda. Und sie werfen Schatten. Vor allem im Winter. Diese drei Berge, allen voran der Pizokel, sind aber nicht alleine verantwortlich für die schattigen Zeiten in Chur.
Der Schattenwurf in Chur West
Rita Bollmann fährt mit dem Velo um die Ecke. Die Leiterin Stadtentwicklung Chur ist dick eingepackt mit Kappe und Handschuhen. Es ist Dienstag, 4. Februar, 10 Uhr, auf dem Areal Kleinbruggen in Chur. Es ist kalt. Und es ist schattig. Nur der Calanda zeigt sich schon sonnig. Fast scheint es, als würde der Berg von einem Scheinwerfer beleuchtet. Da ist es. Dieses Sonnen- und Schattenspiel.
Rita Bollmann schaut auf die Uhr und staunt. Laut Schattendiagramm sollte Kleinbruggen um diese Zeit eigentlich schon Sonne haben. Ob sich da wohl das Diagramm oder die Sonne geirrt hat? So oder so. «Wer in der Stadt Chur baut, hat vom Berg und von anderen Gebäuden her mit Schatten zu rechnen», erklärt Rita Bollmann. «Das kumuliert sich und ist nicht zu verhindern.» Nun. Die Berge kann man bekanntlich nicht versetzen.
Aber wie ist das mit den Gebäuden? Der Gedanke, dass Licht, Luft und Sonne für alle Menschen zugänglich sein soll, entstand in den 1920er-Jahren mit der Wohnreformbewegung. Er wurde zu einem zentralen Thema in der Architektur und Stadtplanung dieser Zeit, insbesondere bei Vertreterinnen und Vertretern der Bauhausbewegung wie Walter Gropius und Ise Frank.
Dennoch: «Generell gibt es in Chur keine Regelung in Bezug auf den Schattenwurf von Gebäuden», so Rita Bollmann. «Einzig im Arealplangebiet Chur West gibt es eine Regelung. Entsprechend sieht der Arealplan Chur West seit 2017 vor: Bei Hochbauten ist im Quartierplanverfahren ein fundierter Nachweis betreffend Standort, Silhouette, Schattenwurf, Verkehrsführung sowie Aussenraumqualität zu erbringen.»
Genug der Theorie. Jetzt wird die Sonne gesucht. Es ist 10.30 Uhr. Und der Spaziergang führt am Rheinfels vorbei in Richtung Pulvermühle. Noch ist es sibirisch kalt. Doch da. Bevor die Ringstrasse sich mit der Pulvermühlestrasse kreuzt, taucht die Sonne auf. Wie gut sie tut. Mit ihren wärmenden Strahlen im Rücken spaziert es sich gleich viel besser.
Westbalkon mit Aussicht
Von Weitem ist die Überbauung Pulvermühle zu sehen. Und auch sie liegt bereits in der Sonne. Die Gebäude stehen in einer grosszügigen Hufeisenform zueinander. Rita Bollmann zeigt auf einen Plan mit den Distanzen. Die Distanz der Häuser rund um das Atrium beträgt knapp 50 Meter. Die Distanzen können variieren und wirken sich letztendlich auf den Schattenwurf aus. Zum Vergleich: In Kleinbruggen liegt die Distanz zwischen den Häusern teilweise nur bei 17 Metern. Das heisst, je grosszügiger der Raum, desto mehr Sonne. Mit Simulationen kann das berechnet werden.
Bei der mittlerweile verdichteten Bauweise ist das natürlich eine Herausforderung. Denn die sonnigen sind auch die beliebtesten Wohnungen. «Die Leute möchten einen Westbalkon», bestätigt Rita Bollmann. «Und die Aussicht ins Oberland.» Toplagen widerspiegeln sich aber auch im Preis. Es ist wie bei der Seesicht. Der unverbaubare Blick in die Berge.
Schattige Altstadt
Welches sind denn nun die Churer Schattenquartiere? Und wo scheint die Sonne auch im Winter? Rheinquartier, Lacuna und Masans sind sonnig. Eulengut, Kasernenstrasse, Kornquader und Foral sind schattig. Um nur einige zu nennen. Grundsätzlich haben die Quartiere, die nah am Fusse des Pizokels liegen, im Winter bis zu drei Monate keine Sonne. Die Einheimischen reden dann hinter vorgehaltener Hand oftmals vom sibirischen Teil von Chur. Und dann ist da noch die Altstadt. Auch sie ist im Winter sehr schattig.
Doch warum um alles in der Welt ist Chur, die Stadt mit der ältesten Siedlungsgeschichte der Schweiz, vor Jahrtausenden in einem Schattenloch entstanden? «Damals hat man auf andere Dinge geschaut», erklärt Rita Bollmann. «Die Menschen wollten durch die Berge geschützt sein. Und die Plessur hat als Energielieferantin, Wasserquelle und natürliche Grenze gedient.» Ausserdem war es in der Rheinebene damals noch viel zu schlammig und matschig, um bauen zu können.
Als würde sie zweigeteilt
Zurück ins Hier und Jetzt. Die Sonne ist da. Warm und hell. Und sie bleibt jetzt auch noch ein Weilchen. Dennoch. Sonne ist nicht gleich Sonne. Im Sommer kann sie schon mal zu heiss werden. Und da wird dann ganz bewusst nach dem Schatten gesucht. Am liebsten gleich unter einem grossen Baum. Aber das ist wieder ein anderes Thema. Schatten ist eben auch nicht gleich Schatten.
Im Winter geht es nicht um grünen Schatten. Es geht um Winterschatten. Jenes Spiel zwischen Hell und Dunkel. Ein Spektakel, das übrigens vom Brambrüeschbähnli aus hervorragend zu beobachten ist. Je weiter es nach oben schwebt, desto deutlicher ist die Grenze zwischen Sonne und Schatten über der Stadt zu sehen. Fast scheint es, als würde sie zweigeteilt. Es ist 11 Uhr. Und Kleinbruggen hat Sonne.
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