Die Stimmen hinter dem Sport
Sie kommentieren Tore, Fehlstarts und grosse Emotionen – und werden dabei selbst zu Stimmen, die im Gedächtnis bleiben. Kommentatorinnen und Kommentatoren prägen, wie wir Sport erleben. Doch hinter dem scheinbar lockeren Gerede am Mikrofon steckt weit mehr Vorbereitung, Teamarbeit und Anspannung, als man von aussen vermutet.
Sie kommentieren Tore, Fehlstarts und grosse Emotionen – und werden dabei selbst zu Stimmen, die im Gedächtnis bleiben. Kommentatorinnen und Kommentatoren prägen, wie wir Sport erleben. Doch hinter dem scheinbar lockeren Gerede am Mikrofon steckt weit mehr Vorbereitung, Teamarbeit und Anspannung, als man von aussen vermutet.
Mehr als nur »Gschnäder»
«Ein ‹normales› Spiel braucht etwa einen Tag Vorbereitungszeit», erklärt Ken Vettore, Chef-Produzent und Kommentator bei «MySports». Stundenlang wühlt er sich jeweils durch Statistiken und Nachrichten. Alles, um auf jede Eventualität vorbereitet zu sein. Wer ist gerade im Saft? Wer hat eine Baisse? Was passiert rund um Spieler und Vereine? «Du weisst nie, was während eines Spiels passiert. Deshalb ist die Vorbereitung dermassen wichtig», erklärt Vettore. So sehen dann auch die zahlreichen Blätter aus. Für das ungeübte Auge ein Wirrwarr aus Zahlen, halbfertigen Sätzen und vielen Farben. Sie erinnern an die Spickzettel, die einen früher durch die Schulzeit getragen haben – gut man hat sie, besser man braucht sie nicht. «Es hat wirklich was von Spickzetteln», bestätigt er. «Und wie bei Prüfungen braucht man sie eher selten. Das Meiste ist im Kopf. Nur die Anmoderation schreibe ich mir jeweils eins zu eins auf. Das machen nicht alle, aber für mich ist es sehr wichtig, dass ich gut reinkomme. Der Rest läuft dann sozusagen auf ‹Autopilot›.»
Auf die Minute getaktet
Doch bevor es überhaupt zur Anmoderation kommt, ist noch weit zu gehen. In Davos wortwörtlich. Denn bis man den Medienraum unter dem Dach der Eishockeykathedrale erreicht hat, ist so mancher bereits ausser Atem. Doch der Aufstieg lohnt sich. «Davos hat das wahrscheinlich schönste Stadion der Welt», meint auch Vettore, «auch die Infrastruktur für uns Medienschaffende ist grossartig. Es gibt nicht in jedem Stadion einen so grosszügigen, gut eingerichteten Medienraum. Es hat schon etwas von Luxus hier.» Und während im Stadion noch die letzten Vorbereitungen getroffen werden. Kein Fan weit und breit zu sehen ist. Die Spieler erst gerade aus dem Car steigen. Beginnt die Sendungsbesprechung mit dem Aufnahmeleiter, Regisseur und Medienchef. Alles ist auf die Minute getaktet. Wann kommt welche Grafik? Wer sind die Key-Player? Gibt es Spezielles vor oder während des Spiels?
Zwischen Experte und Fan
Nachdem die Details der Sendung geklärt sind, geht es gleich weiter zu den ersten Interviews, bevor es dann endlich heisst «Herzlich willkommen aus der ‹zondacrypto-Arena›». Man spürt etwas die Aufregung bei Vettore, auch wenn er schon seit Jahren dabei ist. «Eine gesunde Anspannung gehört bei jedem Spiel dazu», so der Kommentator. Schliesslich sei man immer voll dabei. «Man begleitet die Vereine und Spieler sehr lange. Man kennt sich. Man schätzt sich. Und auch deshalb gehört eine gewisse Nervosität vor den Spielen dazu.»Ja, man kennt sich. Man kennt die Vereine. Aber einen Lieblingsverein hat der gebürtige Zürcher nicht. «Ich habe für jedes Team Sympathien. Nur schon, wenn man sieht, was die Menschen, gerade die vielen Freiwilligen, mit viel Herzblut jeweils im Hintergrund leisten, kann man gar nicht für oder gegen einen Verein sein. Natürlich gibt es bei uns im Team Leute, die Fan von einem bestimmten Club sind. Aber wir sind alle genug professionell, damit wir am Mikro stets unparteiisch sind. Das muss auch so sein.»
Eine Symbiose aus Bild und Wort
Man spürt, für Vettore steht der Sport im Mittelpunkt. «Ich bin schon von klein auf Eishockeyfan. Ich liebe diesen Sport. Umso schöner, kann ich in diesem Bereich arbeiten.» So ist er auch während jedem Spiel voll dabei. Stehend. «Ich kann nicht sitzend kommentieren. Dafür habe ich viel zu viel Energie. Bin ich viel zu fest dabei.» Und so ist es denn auch. Wie ein Fan – für beide Mannschaften – fiebert er bei jeder Szene mit, feiert jede gelungene Aktion, jedes Tor gleichermassen. Und während Vettore seine Expertisen abgibt, herrscht hinter den Kulissen ein Zusammenspiel wie unten auf dem Eis. Nicht nur die Zuschauerinnen und Zuschauer am Bildschirm horchen dem Kommentar. Auch Regisseur, Aufnahmeleitung und vor allem die Kameraleute sind bei jedem Wort dabei. Was erzählt er? Von wem spricht er? Was und wer muss jetzt eingefangen werden? «Die Übertragungen sind ein einzigartiges Teamwork. Alle müssen an einem Strick ziehen. Die ausgestrahlten Bilder sind nie zufällig gewählt. Es ist sehr wichtig, dass mein Kommentar und die Bilder zusammenpassen. Wenn eine Sprach-Bild-Schere entsteht, kommt das nie gut.»
Nach der Sendung ist vor der Sendung
Und so nimmt das Spiel seinen Lauf. Die Bilder stimmen. Der Kommentar stimmt. In den Pausen spricht man mit den anderen Medienschaffenden und Clubvertretern. Man tauscht Meinungen aus. Einziges Thema natürlich Eishockey. Zugegeben, mit den Experten auf den Medienplätzen zu diskutieren, ist spannend. Man merkt bei allen, dass mehr als genug Fachwissen vorhanden ist. «Ich begleite das Eishockey schon lange. Deshalb weiss ich auch sehr viel aus Erfahrung. Es ist eine Leidenschaft. Selbst spiele ich allerdings eher schlecht», gibt der Zürcher zu. Ja, er ist auch eher als Experte denn als Spieler gebaut.Doch genau die Spieler gilt es zum Abschluss auch noch nach der Meinung zu fragen. Bereits während des Spiels gibt Vettore durch, wen er nach dem Spiel gerne vor der Linse hätte. Über Funk teilt er seine Entscheidung mit. Und so geht es nach der Schluss-Sirene im Eiltempo runter aufs Eis. Die Interviews stehen an. Noch ein letztes Mal schnellt der Puls hoch. «Man hat wenig Zeit, sich Fragen zurecht zu legen. Das Wichtigste ist aber, dass man, wie während des gesamten Spiels, die Nuancen spürt und so die Stimmung zu den Menschen nach Hause transportieren kann.» Nach den Interviews ist dann Schluss. Der Arbeitstag vorbei. Doch die Saison geht weiter und die Vorbereitungen für den nächsten Einsatz, die nächste Sendung beginnen schon am nächsten Morgen in der Frühe. «Ja, während der Saison habe ich nicht sehr viele Freitage, da ich auch als Chef-Produzent tätig bin. Da ist eigentlich schon während einer Sendung vor der nächsten. Aber ich liebe, was ich mache.»
Mehr als nur Phrasendrescher
Ja, so ein Kommentatorenleben ist nicht ohne. Immer unter Strom und viel Arbeit, die «nur» hinter den Kulissen stattfindet. Man ist Experte, aber auch Fan. Begeistert, aber auch geerdet. Muss stets einen kühlen Kopf bewahren, wenn man durch die Gänge der Stadien von der Medientribüne zu Interviews und wieder zurück rennt. Man darf sagen, sie sind eben schon mehr als Phrasendrescher. Und wenn man das nächste Mal hört: «Zwei zu null isch ebe di gförlichschti Füerig» – notabene ein Satz, bei dem sich bei Vettore die Haare sträuben – dann kann man sicher sein, er oder sie hat sich nicht schlecht vorbereitet. Man wusste halt einfach gerade nicht, welche andere Phrase besser gepasst hätte.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.