«Jäger und Wolf sollten gemeinsam jagen»
Beim Wissenschaftscafé der Naturforschenden Gesellschaft Davos (NGD) von vergangener Woche zum Thema «Wald – Wild – Wissen» im Kulturplatz wurde fachlich kompetent und nuanciert diskutiert.
Beim Wissenschaftscafé der Naturforschenden Gesellschaft Davos (NGD) von vergangener Woche zum Thema «Wald – Wild – Wissen» im Kulturplatz wurde fachlich kompetent und nuanciert diskutiert.
Viel mehr als nur Schutz
Claudia Bieler, ehemalige Regionalforstingenieurin AWN Graubünden und aktuelle Kleine Landrätin, erinnerte daran, dass der Wald weit mehr leistet als Schutz vor Naturgefahren. Er ist ein Lebensraum mit hoher Biodiversität, Holzlieferant, Arbeits- und Ausbildungsort, Erholungsgebiet, Jagdrevier und prägendes Landschaftselement. Ziel der Waldbewirtschaftung sei es, all diese Funktionen zu sichern. Grundlage dafür sei eine funktionierende Waldverjüngung. Es gibt Versuchsflächen, in denen untersucht wird, welche Baumarten für das Klima der Zukunft geeignet sein könnten. Allerdings sind solche Versuche sehr langfristig, und für den Wald ist es wichtig, dass bereits jetzt neue Saatbäume hochkommen, da es wieder Jahrzehnte dauern wird, bis die Jungbäume selber Samen machen und sich ausbreiten. Um Wildschäden zu verhindern, gibt es einzelne eingezäunte Gebiete. Dies ist aber enorm kosten- und arbeitsintensiv und damit keine Lösung für grössere Flächen.
Wildtiermanagement und geschwächte Fichten
Claudio Signer, Dozent Forschungsgruppe Wildtiermanagement an der ZHAW, betonte die zentrale Rolle der Wildtiere im Ökosystem. Ein gutes Wald-Wild-Management könne durch Jagdregulierung und die gezielte Verteilung von Schutzgebieten erreicht werden. David Gerke, Geschäftsführer Gruppe Wolf Schweiz, Schafhalter, Waldbesitzer und Jäger, wies darauf hin, dass die Fichte aufgrund von Dürre und Hitze vielerorts ausfällt, während klimaresistentere Arten wie die Weisstanne oder der Bergahorn wegen Verbiss nicht nachkommen. Hier können der Wolf und der Luchs eine wichtige Rolle spielen. Sie und die Huftiere sind über Jahrhunderte koevolviert und haben sich aneinander gewöhnt. Ohne Fressfeinde fehlt den Pflanzenfressern jedoch die natürliche Regulierung.
Wichtiges Totholz
Aus dem Publikum kam ein Beispiel aus Österreich, wo Rotwild über den Winter gefüttert wird. Werden die Hirsche dort von Wölfen von den Fütterungsstellen vertrieben, verlagert sich der Verbiss auf umliegende Wälder. Für Gerke ist dies jedoch kein Argument gegen den Wolf, sondern eines gegen die Fütterung selbst. Signer ergänzte, dass überhöhte Hirschbestände zudem das Risiko der Übertragung von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhen können. Ein weiteres Diskussionsthema war das Totholz. Es wurde hervorgehoben, dass dickes Totholz Jungbäumen beim Aufwachsen hilft, nicht zur Brandgefahr beiträgt und im Gegensatz zu geschwächten oder frisch abgestorbenen Bäumen keine Gefahr für die Verbreitung vom Borkenkäfer darstellt. Zudem kann es den Zugang für Wildtiere erschweren und so die Verjüngung fördern. Über seine ästhetische Wirkung hingegen gingen die Meinungen auseinander, wobei Claudio Signer davon überzeugt ist, dass ein schöner Wald naturnah und nicht aufgeräumt ist. Am Ende waren sich die Diskutierenden einig: Der Wald muss vielfältiger werden, damit er den künftigen Herausforderungen standhalten kann. Dafür braucht es eine Kombination aus Waldbewirtschaftung und Jagd. Claudia Bieler meinte, die beste Lösung wäre, wenn Jäger und Wölfe gemeinsam jagen würden, um dem Wald eine Chance zu geben. In den Diskussionen sei es wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Mehr zum Thema Wald und Totholz gibt es im Video von Davos Biodivers auf www.ngdavos.ch
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