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«Jäger und Wolf sollten gemeinsam jagen»

Beim Wissenschaftscafé der Naturforschenden Gesellschaft Davos (NGD) von vergangener Woche zum Thema «Wald – Wild – Wissen» im Kulturplatz wurde fachlich kompetent und nuanciert diskutiert.

Davoser
Zeitung
01.09.25 - 07:00 Uhr
Klima & Natur
Diskutierten zum Wald: Birgit Ottmer, Peter Bebi, Claudia Bieler, Claudio Signer und David Gerke.
Diskutierten zum Wald: Birgit Ottmer, Peter Bebi, Claudia Bieler, Claudio Signer und David Gerke.
zVg
Moderatorin Birgit Ottmer, Leiterin Kommunikation WSL und im Vorstand der NGD, eröffnete die Diskussion mit einem Hinweis auf den Waldbericht 2025 des BAFU und der WSL. Dieser macht deutlich, dass der Wald, vor allem aufgrund des Klimawandels, unter Druck steht wie noch nie. Damit er seine vielfältigen Funktionen auch in Zukunft erfüllen kann, muss er «umgebaut» werden. Peter Bebi,  Leiter Forschungszentrum CERC und Gruppe Gebirgsökosysteme, SLF und bekannt als «Mr. Schutzwald der Schweiz», verdeutlichte die enorme Bedeutung des Waldes. Rund zwei Drittel des Waldes in Graubünden sind Schutzwald, der Siedlungen wie Davos vor Lawinen und Steinschlag bewahrt. Ohne ihn wären viele Gebiete gar nicht bewohnbar. Gleichzeitig sei der Wald gefährdet, etwa durch gleichförmige, altersgleiche Fichten-Bestände, die besonders anfällig für Stürme und Borkenkäfer sind, sowie durch die Folgen des Klimawandels wie Hitze und Trockenheit. Gefordert seien daher heterogene und vielfältige Wälder.

Viel mehr als nur Schutz

Claudia Bieler, ehemalige Regional­forstingenieurin AWN Graubünden und aktuelle Kleine Landrätin, erinnerte ­daran, dass der Wald weit mehr leistet als Schutz vor Naturgefahren. Er ist ein ­Lebensraum mit hoher Biodiversität, Holzlieferant, Arbeits- und Ausbildungsort, Erholungsgebiet, Jagdrevier und ­prägendes Landschaftselement. Ziel der Waldbewirtschaftung sei es, all diese Funktionen zu sichern. Grundlage dafür sei eine funktionierende Waldverjüngung. Es gibt Versuchsflächen, in denen untersucht wird, welche Baumarten für das Klima der Zukunft geeignet sein könnten. Allerdings sind solche Versuche sehr langfristig, und für den Wald ist es wichtig, dass bereits jetzt neue Saat­bäume hochkommen, da es wieder Jahrzehnte dauern wird, bis die Jungbäume selber Samen machen und sich ausbreiten. Um Wildschäden zu verhindern, gibt es einzelne eingezäunte Gebiete. Dies ist aber enorm kosten- und arbeitsintensiv und damit keine Lösung für grössere Flächen.

Wildtiermanagement und geschwächte Fichten

Claudio Signer, Dozent Forschungsgruppe Wildtiermanagement an der ZHAW, betonte die zentrale Rolle der Wildtiere im Ökosystem. Ein gutes Wald-Wild-­Management könne durch Jagdregulierung und die gezielte Verteilung von Schutzgebieten erreicht werden. David Gerke, Geschäftsführer Gruppe Wolf Schweiz, Schafhalter, Waldbesitzer und Jäger, wies darauf hin, dass die Fichte aufgrund von Dürre und Hitze vielerorts ausfällt, während klimaresistentere Arten wie die Weisstanne oder der Bergahorn wegen Verbiss nicht nachkommen. Hier können der Wolf und der Luchs eine wichtige Rolle spielen. Sie und die Huftiere sind über Jahrhunderte koevolviert und haben sich aneinander gewöhnt. ­Ohne Fressfeinde fehlt den Pflanzenfressern jedoch die natürliche Regulierung.

Wichtiges Totholz

Aus dem Publikum kam ein Beispiel aus Österreich, wo Rotwild über den Winter gefüttert wird. Werden die Hirsche dort von Wölfen von den Fütterungsstellen vertrieben, verlagert sich der Verbiss auf umliegende Wälder. Für Gerke ist dies jedoch kein Argument gegen den Wolf, sondern eines gegen die Fütterung selbst. Signer ergänzte, dass überhöhte Hirschbestände zudem das Risiko der Übertragung von Krankheiten wie Tuberkulose erhöhen können. Ein weiteres Diskussionsthema war das Totholz. Es wurde hervorgehoben, dass dickes Totholz Jungbäumen beim Aufwachsen hilft, nicht zur Brandgefahr beiträgt und im Gegensatz zu geschwächten oder frisch abgestorbenen Bäumen keine Gefahr für die Verbreitung vom Borkenkäfer darstellt. Zudem kann es den Zugang für Wildtiere erschweren und so die Verjüngung fördern. Über seine ästhetische Wirkung hingegen gingen die Meinungen auseinander, wobei Claudio Signer davon überzeugt ist, dass ein schöner Wald naturnah und nicht aufgeräumt ist. Am Ende waren sich die Diskutierenden einig: Der Wald muss vielfältiger werden, damit er den künftigen Herausforderungen standhalten kann. Dafür braucht es eine Kombination aus Waldbewirtschaftung und Jagd. Claudia Bieler meinte, die beste Lösung wäre, wenn Jäger und Wölfe gemeinsam jagen würden, um dem Wald eine Chance zu geben. In den Diskussionen sei es wichtig, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Mehr zum Thema Wald und Totholz gibt es im Video von Davos Biodivers auf www.ngdavos.ch

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