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Patricia und Anita aus Chur: Eine Liebesgeschichte, die selbst der Tod nicht beenden kann

Patricia Leu hat ihre grosse Liebe verloren. Doch was bleibt, ist eine Verbindung für immer. Das ist die siebte Folge der Serie «Herzensgschichta us Graubünda».

Karin
Hobi
22.09.25 - 18:00 Uhr
Graubünden
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Erste Hochzeit eines gleichgeschlechtlichen Paares in Chur: Anita (links) und Patricia Leu.
Bild: Olivia Aebli-Item

Patricia Leu aus Chur öffnet die Tür zu ihrer schönen, modernen Wohnung. Sie strahlt eine unglaubliche Lebensfreude aus – trotz allem, was sie durchmachen musste. Sie hat ihre grosse Liebe verloren: Anita, ihre Ehefrau. Vor rund einem Jahr ist sie nach schwerer Krankheit verstorben. Was bleibt, ist eine wunderschöne Urne aus Holz. Viele Fotos. Zahlreiche Erinnerungen. Trauer. Und die Liebe.

Wie haben Sie Anita kennengelernt?

Über eine Single-Plattform. Sie hat mich vor rund 21 Jahren angeschrieben. Ich war 34, sie 46. Die Ehe mit meinem Ex-Mann war zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende. Wir lebten zwar noch zusammen – wegen unseres gemeinsamen Sohnes – aber wir waren bereits getrennt. Dieses Zusammenleben war sehr schwierig und auch unser Sohn hat die Spannungen deutlich gespürt.

Wussten Sie schon lange, dass Sie sich auch zu Frauen hingezogen fühlen?

Ja, das war mir schon mit 14 Jahren bewusst. Ich bin in Neuhausen am Rheinfall aufgewachsen, einem kleinen Dorf, in dem jeder alles über jeden wusste. Dort lebte ein Mann, der Frauenkleider trug. Das sorgte natürlich für viel Gerede, und als Kind habe ich das sehr genau mitbekommen. Deshalb habe ich mein «Geheimnis» niemandem anvertraut – nicht einmal meiner Schulfreundin, in die ich verliebt war. Auch meinen Eltern habe ich es erst viele Jahre später erzählt. Erst als ich Anita kennengelernt habe.

Und Sie waren sofort begeistert von ihr?

Nein, eher misstrauisch. Ich musste erst lernen, ihr zu vertrauen. Die Sympathie war sofort da. Sie hat sich ehrlich für mich und mein Leben interessiert. Sie war Krankenschwester aus Chur, hatte zwei Söhne und war schon längere Zeit geschieden.

Grosse Liebe: Die Sympathie war sofort da.
Bild: zVg

Wie war Ihr erstes Treffen? 

Sie reiste zu mir nach Schaffhausen und wartete am Busbahnhof. Als ich sie sah, dachte ich: «Was für eine schöne Frau.» Wir gingen etwas trinken, und später kam sie auch mit zu uns nach Hause. Als sie meinem Ex-Mann sagte, sie finde es nicht in Ordnung, dass ich auf dem Sofa schlafe, während er das Schlafzimmer für sich allein hat – hat er tatsächlich darauf reagiert. Sie war immer sehr klar in ihren Worten und hat gesagt, was sie dachte.

War es das erste Mal, dass Sie so tief verliebt waren?

Ja, tatsächlich. Bereits nach drei Monaten bin ich nach Chur gezogen. Jedoch zunächst mit meinem Sohn in eine eigene Wohnung. Anita hat mir geholfen, mich aus dem teilweise unerträglichen Zustand im gemeinsamen Haus mit meinem Ex-Mann zu befreien. Mein Sohn und ich haben uns in Chur sofort zu Hause gefühlt. Anfangs war Anita ein- bis zweimal pro Woche bei uns, aber schon bald kam sie täglich – wir wollten einfach beieinander sein. Dennoch hatte jeder von uns seinen Rückzugsort. Erst als mein Sohn eine eigene Wohnung hatte, sind wir wirklich zusammengezogen.

Was hat Ihre Liebe ausgemacht? 

Wir konnten zusammen lachen und haben viel miteinander unternommen. Wir hatten viele gemeinsame Interessen, zum Beispiel das Reisen. Wir waren an so vielen Orten: in Italien, im Zillertal, auf Kreta, Zypern, Mallorca, Ibiza. Einmal machten wir eine Rundreise mit dem Auto durch die ganze Schweiz. Ihr Traum war es, einmal mit mir nach Thailand zu reisen. Leider kam es nicht mehr dazu.

Patricia Leu blättert im Album: So viele Erinnerungen mit ihrer geliebten Frau.
Bild: Olivia Aebli-Item

Gab es auch Momente, in denen Sie sich gegenseitig genervt haben?

Natürlich. Vor allem manchmal bei der Erziehung meines Sohnes. Ihre Söhne waren bereits älter, meiner noch relativ jung. Trotz all unserer Liebe lag die Hauptverantwortung für meinen Sohn bei mir, und das war nicht immer einfach. Aber wir haben immer über alles gesprochen. Unsere Kommunikation war wirklich gut. Sie sagte mir immer: «Wenn dich etwas stört, sag es mir.» Das musste ich erst lernen. In meiner vorherigen Ehe hatte ich immer alles in mich hineingefressen.

Haben Sie Ihre Liebe in der Öffentlichkeit gezeigt?

Nein, nicht offen. Wir gingen Arm in Arm durch die Stadt. So wie beste Freundinnen. Wir wollten keine neugierigen Blicke, keine Kommentare, keine Erklärungen abgeben müssen. Aber privat waren wir sehr liebevoll miteinander, haben viel gekuschelt und uns oft umarmt. Körperlich waren wir uns immer sehr nah. Und wir haben uns gern überrascht: mit kleinen Ausflügen in romantische Hotels für Verliebte.

Überraschungen: Immer wieder beschenkten Anita und Patricia sich mit schönen Ausflügen.
Bild: zVg

Sie waren das erste gleichgeschlechtliche Paar, das in Chur geheiratet hat. Wie erinnern Sie sich an diesen Tag? 

Im Sommer 2022 wurde endlich die Ehe für alle möglich. Wir sind quasi sofort zum Standesamt gerannt. Dieser Tag der Abstimmung war für uns ein Feiertag. Anita hatte immer gesagt, sie wolle keine eingetragene Partnerschaft, sondern eine richtige Ehe. Die Standesbeamtin sagte uns, dass wir die ersten seien. Wir haben im engsten Familienkreis geheiratet, und unsere Söhne waren unsere Trauzeugen. Es war einfach wunderschön. Wir waren so dankbar, dass wir uns endlich das Jawort geben konnten. Anita war nachträglich überglücklich, dass sie das noch erleben durfte. Und es bedeutete uns unendlich viel, dass wir endlich dieselben Rechte hatten wie heterosexuelle Paare.

Juli 2022: Endlich konnten Patricia und Anita heiraten.
Bild: zVg

Wer von Ihnen hat den Hochzeitsantrag gemacht?

Ich. Und zwar schon viele Jahre zuvor, kurz nachdem ich nach Chur gezogen war. Ich habe sie überrascht: mit einem Herz aus Papier, Rosenblättern und einer Kerze in der Mitte.

Hochzeitsantrag: Für Patricia Leu war sehr schnell klar, dass sie ihre Freundin heiraten möchte.
Bild: zVg

Was hat Anita ausgemacht? Was war sie für ein Mensch?

Sie war ein unglaublich lieber Mensch. Ruhig, aber auch sehr selbstbestimmt und klar in ihren Worten. Gleichzeitig war sie sehr empathisch und auch im Umgang mit meinem Sohn hat sie mich sehr unterstützt. Sie sagte oft: «Ein Nein muss nicht für immer ein Nein bleiben. Man darf Dinge überdenken und sich umentscheiden.» Das fand ich sehr schön. Anfangs wirkte sie manchmal etwas stur, aber sie hat Situationen immer reflektiert und überdacht.

Sie haben Ihre grosse Liebe verloren. Ihre Ehefrau Anita ist im vergangenen Jahr gestorben...

Schon 2007 wurde bei ihr Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Das war schon eine schlimme Nachricht. Aber sie war nicht auf den Rollstuhl angewiesen, und wir konnten die Krankheit gut in den Griff bekommen. Irgendwann sagte sie dann, dass sie immer mehr Gewicht verliere, dass ihr die Hosen ständig herunterrutschten. Auch ich habe den Gewichtsverlust bemerkt. Kurz nach unserer Hochzeit, Anfang 2023, klagte sie über Schmerzen. Bei einer Darmspiegelung wurde ein kleiner, bösartiger Tumor entdeckt. Sie wurde operiert, ein Stück Darm wurde entfernt. Leider verschwanden die Schmerzen trotzdem nicht.

Konnten Sie als Paar in dieser schweren Zeit zusammenhalten?

Absolut. Aber wir hatten grosse Sorgen, weil sich ihr Zustand nicht besserte. Wir mussten mehrmals in den Notfall. Sie hielt die Schmerzen kaum noch aus. Es folgten viele Untersuchungen, Eingriffe, Schmerzmittel. Und im Herbst fiel mir auf, dass sie noch mehr abgenommen hatte.

Das klingt nach einer sehr intensiven Zeit...

Ja, vor allem die Ungewissheit war sehr belastend. Im Frühjahr 2024 musste sie wieder ins Spital. Sie konnte nicht mehr essen, hatte keinen Appetit mehr. Beim Ultraschall entdeckte man etwas auf der Leber. Weitere Untersuchungen ergaben schliesslich: Lungenkrebs. Unheilbar.

Ich erinnere mich, dass sie kurz bevor sie die Welt verlassen hat, noch einmal hinauswollte. Wir sassen draussen, sie im Rollstuhl. Ein Tag vor unserem Hochzeitstag. Ein ganz besonderer Moment. Aber nur zwei Tage später, auf der Palliativstation, ist sie gestorben. Ich war bei ihr.Seit sie nicht mehr da ist, gehe ich immer wieder an unseren Platz, wo wir zusammen Pilze gesammelt haben. Dort spüre ich sie ganz besonders nah bei mir. Das gibt mir Trost. Auch, dass ich immer wieder bei ihren Enkelkindern sein kann – sie bleiben weiterhin meine Familie.Anita fehlt mir sehr. Aber ich fühle, dass sie in irgendeiner anderen Form bei mir ist. Und vor dem Sterben habe ich selbst keine Angst mehr. Irgendwann sind wir wieder ganz zusammen.

Sie sind wegen Anita nach Chur gezogen. Ist Chur auch heute noch Ihr Zuhause?

Ja. Als Anita gestorben ist, bin ich für ein paar Tage an meinen Ursprungsort zurückgekehrt. Doch ich wusste sofort: Hier kann ich nicht mehr leben. Wenn dort der Nebel aufzog, schaute ich wehmütig auf die Wetter-App, die mir Sonne in Chur zeigte. Ich werde hier nicht mehr weggehen. Und doch: Anita war mein Zuhause. Jetzt bin ich – trotz meiner Liebe zu Chur – irgendwie heimatlos.

Patricia Leu: Sie erzählt im folgenden Video von ihrer grossen Liebe Anita, die im letzten Jahr verstorben ist:

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