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Wenn man Denkmalpflege progressiv denkt

Auf der Schatzalp trifft Geschichte auf Hightech: Neue, digital geplante Holzbalustraden ersetzen die alten Geländer – kein Stück gleicht dem anderen. Sie verbinden Tradition mit moderner Sicherheit, sind nachhaltig gebaut und zeigen, wie respektvoller Bau an denkmalgeschützen Objekten heute aussehen kann.

Davoser
Zeitung
13.09.25 - 12:00 Uhr
Kultur
Auf der Schatzalp erstrahlen die Balustraden in neuem Glanz.
Auf der Schatzalp erstrahlen die Balustraden in neuem Glanz.
zVg/ETH Lais Hotz
Die Schatzalp ist ein Ort der Geschichten. Wo heute Hotelgäste auf den Bal­konen Sonne tanken, kurierten einst ­Tuberkulosekranke ihre Leiden. Die überdachten Loggien sind Teil dieser Geschichte. Doch ihre Geländer waren am Ende. Viele stammten noch aus der Anfangszeit um 1900, als das Haus als Sanatorium eröffnet wurde. Schnee, Regen, Sonne und die Zeit haben am Holz genagt. Zudem waren die Balustraden für heutige Sicherheitsstandards zu niedrig.

Keine Kopie, sondern Weiterbau

Die Fassade der Schatzalp ist nicht aus einem Guss. Sie wurde mehrfach verändert. Die durchgehenden Balkone an der Südfassade entstanden erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer genau hinsieht, erkennt die Spuren dieser Umbauten noch heute. Für die Forschenden war klar, dass auch die neuen Balustraden diese Geschichte fortführen sollen.

Zusammen mit den Architekturprofessoren Fabio Gramazio und Matthias Kohler entwickelte Silke Langenberg, Professorin für Konstruktionserbe an der ETH Zürich, ein neues Geländerkonzept. Die Grundlage war ein parametrisches Modell. So liessen sich verschiedene Varianten digital testen. Immer wieder wurden die Entwürfe besprochen, angepasst und weiterentwickelt. Ziel war eine Lösung, die sich in das Gebäude einfügt und gleichzeitig heutigen Anforderungen genügt.

Digital geplant, lokal gebaut

Die Umsetzung übernahm das Davoser Holzbauunternehmen Künzli AG. Unterstützung kam vom ETH-Spin-off «Incon.ai». Ihre Augmented-Reality-Technologie ersetzte das klassische Arbeiten mit Plan und Massstab. Ein Beamer in der Werkstatt projizierte das digitale Modell direkt auf die Werkfläche. Die Handwerker konnten so sehen, welches Element wo hingehört und wie es zusammengefügt wird.

Für Matthias Kohler ist das eine grundlegende Veränderung der Art zu bauen. Die digitale Projektion ersetzt den Plan an der Wand. Die Informationen liegen dreidimensional auf dem Tisch. Trotzdem bleibt der Mensch im Zentrum. Er bringt Intuition, Erfahrung und Handfertigkeit ein. So begleitet die Technologie, aber übernimmt nicht komplett.

5300 Einzelteile, 93 Unikate

Das Ergebnis sind 93 einzigartige Balustraden. Sie bestehen aus über 5300 Holzlatten. Kein Geländer ist gleich wie das Andere. Manche Stellen sind luftiger, andere dichter gefügt. Auf den ersten Blick wirkt alles einheitlich. Erst beim zweiten Hinsehen zeigen sich feine Unterschiede. Diese Gestaltung hat nicht nur ästhetische Gründe.

Früher lagen die Kurgäste in ihren Loggien. Von aussen sollten sie aufgrund der Privatsphäre nicht gut sichtbar sein. Heute sind die Balkone von unten gut einsehbar, bieten aber trotzdem den nötigen Sichtschutz für die Gäste. Gleichzeitig verhindern sie das Überklettern. Damit erfüllen sie auch die sicherheitstechnischen Vorgaben.

Einfach zu warten, leichter zu tauschen

Ein weiterer Vorteil liegt in der Montage. Die Elemente sind verschraubt, nicht verleimt. Das erlaubt es, einzelne Teile bei Bedarf auszutauschen oder zu reparieren, ohne die ganze Konstruktion zu ersetzen. Damit ist nicht nur die Gestaltung nachhaltig, sondern auch der Unterhalt.

Die Schatzalp war schon immer ein Ort der technischen Innovation. Für Langenberg passt auch dieser Eingriff in die Geschichte des Hauses. Die neuen Balustraden nehmen Bezug auf das Bestehende, erzählen es aber weiter. Oder wie sie es mit einem Lächeln sagt: «Jetzt, wo die Balustraden so gut aussehen, sieht man, dass man am Beton etwas machen muss.»

Der Wandel bleibt sichtbar

Auch wenn manche Gäste den Wechsel gar nicht bemerken, ist der Eingriff baulich und gestalterisch deutlich. Umso wichtiger war die enge Zusammenarbeit mit dem kantonalen Denkmalpfleger. «Wir sind sehr dankbar, dass die Denkmalpflege so progressiv eingestellt war. Es ist eigentlich nicht üblich, dass wir so viel Spielraum bei solchen Projekten bekommen», erklärt Langenberg. Für Gramazio ist klar, dass diese Neuinterpretation Diskussionen auslösen wird. Doch das sei richtig so. Das Projekt sei ein Beitrag zum Weiterbauen. Ein respektvoller Eingriff, der nicht versteckt, dass etwas passiert ist. Sondern zeigt, wie es weitergeht.

Den Meter kann man in der heutigen Zeit getrost stecken lassen.
Den Meter kann man in der heutigen Zeit getrost stecken lassen.
zVg/ETH Girts Apskalns
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