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Ich bin ein Bücherregal-Snob

David
Eichler
28.09.22 - 16:30 Uhr
Bild Pexels (Symbolbild)

«OK Boomer» versus «Wa hesch denn du scho erlebt du huere Banane?» Im Blog «Zillennials» beleuchten die Vertreterin der Generation Z, Nicole Nett, und die Millennials Mara Schlumpf und David Eichler in loser Folge aktuelle Themen. Im Idealfall sorgen die drei damit für mehr Verständnis zwischen den Generationen. Minimal hoffen sie, für etwas Unterhaltung, Denkanstösse und den einen oder anderen Lacher zu sorgen.

Ich habe vor Kurzem einen E-Book-Reader verschenkt und die Beschenkte hat sich sehr darüber gefreut, worüber ich mich dann wiederum gefreut habe. Ein freudiger Reigen positiver Gedanken sozusagen. So weit, so fröhlich.

Nun bin ich persönlich aber etwas zwiegespalten, was das digitale Sammeln von Büchern betrifft. Ich sehe schon auch die Vorteile, die ein solches Gerät mit sich bringt: Mehrere Bücher in kompakter Form mit sich rumtragen zu können, hat den Vorteil, mehrere Bücher in kompakter Form mit sich rumtragen zu können. Der Vorgang des Lesens ist wahrscheinlich auch angenehmer. Keine Eselsohren, kein Sand im Buch und beim Wiedereinschalten des Readers an derselben Stelle sein, wo man zuvor mit Lesen aufgehört hat. Trotzdem: Ich bevorzuge es, Bücher als Bücher rumzutragen, sie als solche zu lesen und sie dann auch in mein Bücherregal zu stellen.

Habt ihr einen E-Book-Reader

Auswahlmöglichkeiten

Es gibt ein japanisches Wort, das einen in meinem Leben regelmässig wiederkehrenden Umstand beschreibt: «Tsundoku». Was sich liest wie die falsche Schreibweise eines japanischen Logikrätsels, beschreibt eigentlich die Unart, sich Bücher zu kaufen, die sich danach daheim stapeln, ohne gelesen zu werden. Ich bin bei Weitem nicht der Erste, der sich selbst darin wiedererkennt. Eine wirklich kurze Recherche zeigt, auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die unter dem gleichen Symptom «leiden». Der Wikipedia-Eintrag zu Tsundoku zitiert aus Texten in der «Berliner Zeitung», der «Huffington Post» und der «Los Angeles Times». In einem Onlineforum sucht gar jemand nach Tipps und Ratschlägen, wie sie damit aufhören kann, Bücher zu kaufen und sie danach nicht direkt zu lesen. Ich frage mich, warum man das als Problem betrachtet. Es gibt dümmere Dinge, die man in den eigenen vier Wänden rumliegen haben könnte.

Eine cleane Wohnung, in der es keine Bücher gibt, ist mir suspekt. Auf Tiktok habe ich letzthin einen Clip gesehen, in dem ein Typ die Wohnungsdekoration seiner Freundin bewertet. Da stehen diverse Kerzen, die noch nie ein Streichholz gesehen haben, Glaskaraffen voller Steine und Glasperlen und irgendwo liegt vereinsamt ein Buch über Coco Chanel auf einem Regal. Vermutlich nicht, um irgendwann gelesen zu werden, sondern um gut auszusehen und die Bewunderung für die Marke Chanel zu zeigen. Klar, das sind Vorurteile, die ich hier breittrete. Ich kenne den Tiktok-Typen nicht und seine Freundin noch viel weniger. Dennoch: Menschen, die in einer Wohnung ohne Bücher leben, sind mir als Allererstes suspekt. Da teile ich die Meinungen von Cicero («Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele») und Hermann Hesse («Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seine Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.»).

Mir ist bewusst, dass das eine ziemlich blasierte Einstellung ist und von nicht unbeträchtlichem Snobismus zeugt. Ich bin aber auch der Meinung, dass sich anhand der Bücherwand eines Menschen viel über die Person herausfinden lässt. Ähnlich verhält es sich mit CD-Sammlungen, die ja auch immer seltener werden. Wenn ich irgendwo zu Besuch bin und mich in meiner Rolle als Gast noch nicht so richtig gefunden habe und vielleicht schweigend mit anderen Gästen auf dem Sofa sitze, finde ich im Bücherregal möglicherweise ein Thema für den ersten eisbrechenden Smalltalk. Diese Möglichkeit biete ich meinen Gästen gerne auch, indem ich meine Bücherwand direkt vis-à-vis der Eingangstüre platziert habe. Okay – das hat auch mit dem Grundriss meiner Wohnung und der Tatsache zu tun, dass ich direkt unter dem Dach wohne und sonst nirgends genügend Platz für das Bücherregal habe.

Der aufmerksamen Leserschaft ist nun vielleicht aufgefallen, dass ich eine Schwäche – meinen Bücher-Snobismus – innerhalb eines Absatzes zur altruistischen Möglichkeit zur zwischenmenschlichen Kontaktaufnahme verklärt habe. Für mehr Nähe zwischen Menschen.

Auch, aber nicht nur, für die nächsten Partys in meiner Wohnung werde ich jedenfalls weiterhin fleissig Bücher kaufen und sie höchstwahrscheinlich nicht alle lesen. Auch auf die Gefahr hin, bei Fragen meiner Gäste zu einzelnen Büchern allenfalls eingestehen zu müssen, genau dieses noch nicht gelesen zu haben. Immerhin weiss ich jetzt, dass ich damit nicht alleine bin. Mindestens in Japan gibt es genügend Leute, denen es genauso geht und die ein Wort dafür gefunden haben: «Tsundoku».

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