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Damals, im Ferienlager …

David
Eichler
08.06.22 - 16:30 Uhr
So ähnlich sass ich im Alter von zehn bis sechzehn an Lagerfeuern in Ferienlagern in Ascharina und Pradella.
So ähnlich sass ich im Alter von zehn bis sechzehn an Lagerfeuern in Ferienlagern in Ascharina und Pradella.
Bild Unsplash

«OK Boomer» versus «Wa hesch denn du scho erlebt du huere Banane?» Im Blog «Zillennials» beleuchten die Vertreterin der Generation Z, Nicole Nett, und die Millennials Mara Schlumpf und David Eichler in loser Folge aktuelle Themen. Im Idealfall sorgen die drei damit für mehr Verständnis zwischen den Generationen. Minimal hoffen sie, für etwas Unterhaltung, Denkanstösse und den einen oder anderen Lacher zu sorgen.

Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören die Ferienlager, die ich während einiger Jahre jeden Sommer besucht habe. Seit vor Kurzem mein regelmässiger Hauptleiter aus dieser Zeit einen meiner Zillennials-Artikel kommentiert hat (Danke Stefan), geistern einige dieser Erinnerungen wieder in meinem Kopf herum. Es sind Erinnerungen an gebrochene Arme und Herzen, Rundlaufsessions am Pingpongtisch, Schnitzeljagden im Wald, 1.- August-Feiern am Lagerfeuer und heimliche Besuche im Zimmer der Mädchen. Ein paar ganz spezifische Erinnerungen möchte ich euch nicht vorenthalten.

Mein erstes Sommerlager war in St. Antönien-Ascharina. Ich war damals ungefähr zehn Jahre alt und das erste Mal so richtig ohne Eltern und für mehr als eine Woche nicht daheim. Entsprechend gross war mein Heimweh. Als meine Eltern am Besuchstag im Lagerhaus waren, informierte ich sie unter Tränen darüber, dass ich mit ihnen nach Hause fahren werde. Irgendwie schafften es sie und das Leitungsteam, mich davon zu überzeugen, noch mindestens einen Tag länger zu bleiben. Ich liess meine Eltern also ohne mich nach Hause fahren. Nicht, ohne ihnen das Versprechen abzunehmen, mich am nächsten Tag abzuholen, falls sich meine grundsätzliche Meinung zum Thema nicht ändern sollte – was sie natürlich schon aus präpubertärem Trotz nicht tat. Am darauffolgenden Tag packte ich also direkt nach dem Aufstehen meine Siebensachen, deponierte sie vor dem Lagerhaus und wartete darauf, von meinem Vater abgeholt zu werden. Der Hauptleiter Stefan (ihr erinnert euch) setzte sich zu mir, sprach lange mit mir und brachte es fertig, dass mein Durchhaltewille mein Heimweh besiegte. Ich blieb im Lager und performte am Mini-Playback-Abend mit selbst gebastelter Kartongitarre zu «Dudelsack-Dudu» der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

Ich stand mein erstes Sommerlager dann also doch durch und wurde zum begeisterten Lagerteilnehmer. Die Heimweherfahrung sollte mir noch zum Vorteil gereichen.

Einige Jahre später, das alljährliche Sommerlager fand mittlerweile in Pradella bei Scuol statt, befand ich mich in der Woche vor dem Lager noch in den Ferien am Lago Maggiore. Mein Gotti Lotti war zu Besuch und um die Reise nach Scuol für mich etwas leichter zu machen, konnte ich mit Lotti und ihrem Mann von Cannobio bis Thusis mitfahren. Dort stieg ich in den Zug nach Scuol und suchte den Wagen, der für mein Sommerlager reserviert sein musste. Ich fand ihn nicht und erkundigte mich beim Kondukteur, wo sich denn dieser Wagen befinde. Ein persönliches Billett hatte ich nicht, da ich, wie jedes Jahr, mit dem Kollektivbillett des Lagers mitreisen sollte. Er konsultierte sein schlaues Kondukteurenbuch, fand aber auch nichts und wies mich an, mich auf den nächsten Platz zu setzen und mal so mitzufahren. Die Gruppe würde sicherlich noch auftauchen – da war ich mir auch sicher. Dass der nächste Platz in der ersten Klasse war, machte meine Reise einiges angenehmer – auch wenn ich einsamer unterwegs war, als ich mir das am Morgen noch vorgestellt hatte. In Samedan musste ich umsteigen. Mittlerweile war ich doch etwas verunsichert, da von meinen Lagerbuddies weit und breit nichts zu sehen war. Ich ging in eine Telefonzelle und rief ins Lagerhaus in Pradella an. Stefan (ihr kennt ihn mittlerweile) nahm ab und erklärte mir, dass im Lagerhaus aktuell nur das Leiterteam sei, das alles für den morgigen Lagerstart vorbereite. Morgigen? Ich schaute nochmals auf das Lager-Infoblatt und da sah ich es. Schwarz auf Weiss. Das Datum des morgigen Tages. Ich war einen Tag zu früh dran.

Ich wandte mich wiederum an einen (anderen) Kondukteur, der auf dem Perron auch auf den Zug nach Scuol wartete, umriss ihm die Bredouille, in der ich mich befand und auch er wies mich an, mich beruhigt in den Zug zu setzen. In die erste Klasse traute ich mich dann aber nicht mehr. In Scuol wurde ich von den Lagerleitern am Bahnhof abgeholt und wir gingen gemeinsam Abendessen. Ich war angekommen, hatte mir den besten Schlafplatz aussuchen können und verbrachte die erste Nacht in einem ungewohnt ruhigen Massenschlag.

Das Lagerhaus in Pradella sollte auch danach noch während einiger Sommer jeweils für ein paar Wochen mein Domizil werden. Ich lernte in dieser Zeit viele Leute kennen, mit denen ich heute auch noch gerne hin und wieder die eine oder andere Anekdote austausche, wenn wir uns über den Weg laufen. Wir erinnern uns dann an den Geruch der aufgeheizten Holzfassade oder die allabendlichen Bettmümpfali und die dazugehörige Gutenachtgeschichte oder die Lieder, die wir gemeinsam sangen.

Mit 16 besuchte ich die Ausbildung zum Lagerleiter und rückte im darauffolgenden Sommer als Leiter in Pradella ein. Rechtzeitig. Ich übernahm zum ersten Mal Verantwortung für mehr als mein eigenes Handeln und hatte durch mein erstlagerliches Erlebnis auch das Rüstzeug, um einem kleinen Bub mit massivem Heimweh eben dieses etwas zu nehmen. Ich erzählte ihm, wie es mir damit gegangen war und wie froh ich am Ende meines ersten Lagers gewesen war, trotz aller emotionaler Widrigkeit geblieben zu sein. Er blieb – und ich glaube, er war am Ende des Lagers auch stolz auf sich.

Ich machte noch ein-zwei Lager als Leiter mit. Irgendwann schwand mein Interesse. Wahrscheinlich versprach ich mir mehr von Sommerferien am Meer – ich weiss es heute nicht mehr genau. Es braucht aber nur einen Kommentar auf einen meiner Artikel von der richtigen Person und ich schwelge in wunderbaren Erinnerungen und vermisse die Zeit, als ich mit 30 anderen Kindern in Pradella und den Wäldern rundherum die tollsten kleinen Abenteuer erlebte.

Nochmals: Danke Stefan – auch fürs Aufwärmen der Erinnerungen.

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