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Grandezza

Grandezza

Christian
Ruch
vor 1 Jahr in

In «Ruchs Rubrik» beleuchtet Christian Ruch Bedenkliches, Merkwürdiges und Lustiges aus der Region Südostschweiz. Das alles einmal wöchentlich und mit viel Esprit und Humor. Ob Politik, Kultur, Wirtschaft oder Sport – in Ruchs Rubrik hat all das Platz, was sich mit einem Augenzwinkern betrachten lässt.

Die Aufforderung, an Ostern zu Hause zu bleiben, sei angeblich weitgehend beachtet worden, heisst es. Von wegen! Ich bin extra jeden Tag für mehrere Stunden aus dem Haus, um zu überprüfen, ob andere daheim bleiben und dabei auf zig Wanderer, Biker und Jogger gestossen. Besonders bedenklich fand ich, dass auch Züge der RhB und SBB nicht daheim im Depot geblieben sind, sondern munter durch die Gegend kurvten. Die Züge der RhB fuhren immerhin nicht ins Tessin, das muss ich natürlich schon auch lobend erwähnen.

Apropos: Ein besonderes Erlebnis hatte ich am Donnerstag vor Ostern. Auf meinen Kontrollgängen verirrte ich mich in die Lebensmittelabteilung des Manor Chur. Und traf dort auf eine Gruppe rüstiger Seniorinnen, kichernd wie Teenager auf einem Schulreisli. Die Damen waren wie aus dem Osterei gepellt, der Lippenstift perfekt auf den Mantel abgestimmt und die edlen Lederhandschuhe sassen wie angegossen. Das Auffälligste aber war: Die Damen sprachen alle Italienisch und wirkten in ihrer noblen Grandezza wie einer Erzählung von Romana Ganzoni entsprungen. Zu dieser Grandezza gehörte auch eine gewisse finanzielle Solvenz, denn die belle Signore posteten Süsswaren allem allfälligen Altersdiabetes zum Trotz im grossen Stil und liessen an der Kasse die Kreditkarte glühen. Was waren das nur für Damen? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Es gab gar keinen Zweifel – das waren Altersflüchtlinge aus dem Tessin! Dort dürfen ja Senioren nicht mehr posten gehen, also entwichen die Ladys wahrscheinlich schon im Morgengrauen ihrer Altersresidenz «Il Paradiso sopra Ascona», und da Giulia, die Jüngste, noch eine Fahrerlaubnis und ein Auto hat, machten sie sich klopfenden Herzens Richtung San Bernardino auf den Weg in die Freiheit. Als sie vor Roveredo Bündner Boden erreichten, entrang sich ein heiserer Freudenschrei ihrer Kehle – schon lange nicht mehr hatten sie sich so jung und lebendig gefühlt!

Und wenn sie mittlerweile nicht an einem Zuckerschock gestorben sind, fragt sich das Pflegepersonal des «Paradiso» wahrscheinlich, warum die Signora Giulia so einen riesigen Schoggi-Hasen auf dem Nachttisch stehen hat. Wo sie doch längst niemand mehr besuchen kommt.

 

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