×

Sind die Cryptoleaks nur eine bessere Tischbombe?

Sind die Cryptoleaks nur eine bessere Tischbombe?

Andrea
Masüger
vor 1 Jahr in
SCHWEIZ STEINHAUSEN CRYPTO
Der Hauptsitz des Chiffriergeräte-Herstellers Crypto in Steinhausen.

In seiner Kolumne «Masüger sagts» widmet sich Andrea Masüger aktuellen Themen, welche die Schweiz und die Welt bewegen (oder bewegen sollten). Der heutige Publizist arbeitete über 40 Jahre bei Somedia, zuerst als Journalist, dann als Chefredaktor, Publizistischer Direktor und zuletzt als CEO.

In einem ungewöhnlich langen Leitartikel beschwörte der «Tages-Anzeiger» am Donnerstag die geneigte Leserschaft schon fast flehentlich, an der Brisanz der Cryptoleaks ums Himmels Willen nicht zu zweifeln. Die seltsamen Vorgänge um die Zuger Firma Crypto, welche in den letzten eineinhalb Wochen helvetische Spionage-Schlagzeilen machten, dürften nicht verharmlost werden. Die Schweiz laufe Gefahr, einen riesigen Skandal unter den Teppich zu kehren. «Achtung, diese Leute wollen Sie irreführen!» lautete der dramatische Hilferuf der Zeitung.

Es kommt selten vor, dass sich Journalisten direkt an die Leser wenden. Meistens ist dann Gefahr in Verzug. In diesem Fall droht eine sorgsam aufgebaute Geschichten-Armada, die das Schweizer Fernsehen mit seiner «Rundschau» inszeniert hat und die vom «Tages-Anzeiger» mit gehörigem Trommelwirbel begleitet wird, vorzeitig auf Grund zu laufen. Denn in den letzten Tagen haben sich einige nationale Politikerinnen und Politiker zu Wort gemeldet, die an der Brisanz der angeblich gewaltigsten Spionageaffäre der Schweiz zweifeln. Einige Journalisten und Publizisten sind ebenso skeptisch.

Die Kritiker meinen, die ganze Story sei bloss aufgekocht. Die Fakten seien seit den Neunzigerjahren mehr oder weniger bekannt, alles neu Aufgetischte alt und verwelkt. Selbst dann, wenn noch bisher Unbekanntes zu vermelden wäre, würde dieses die längst versunkene Zeit des Kalten Krieges betreffen und niemanden mehr ernsthaft interessieren. Alles sei bloss eine «Fussnote der Geschichte» (Felix E. Müller, ehemaliger Chefredaktor der «NZZ am Sonntag») und in zwei Wochen vergessen (FDP-Ständerat Ruedi Noser). FDP-Nationalrätin Doris Fiala sagt sogar: «Der Skandal ist der eigentliche Skandal.» Sie macht also den Medien den Vorwurf, um der guten Story Willen eine Staatskrise heraufzubeschwören.

«Der Minerva-Bericht macht einen obskuren Eindruck.»

Medien haben die Tendenz, zu dramatisieren. Vor allem, wenn sie über exklusive Quellen verfügen wie das Schweizer Fernsehen in diesem Fall. Doch genau diese Hauptquelle, der sogenannte Minerva-Bericht, auf den sich die ganzen Recherchen stützen, macht einen obskuren Eindruck. Er soll von CIA-Historikern stammen, die darin in blumigen Worten die Geschichte der Zuger Firma mit ihren manipulierten Chiffriermaschinen erzählen. Fachleute wundern sich über die saloppe Sprache im Bericht, der wie ein Agententhriller tönt. Man fragt sich, ob er ursprünglich auf Deutsch verfasst wurde (von wem?), dann ins Englische übersetzt und wieder ins Deutsche rückübertragen wurde.

Doch ganz grundsätzlich stellt sich die Frage: Wieso schreibt ein Geheimdienst einen internen Roman über seine Heldentaten? Wozu braucht er so was? Wieso schweigt er nicht einfach? Jedes sensitive Papier, das es nicht braucht, ist ja eines zu viel. Und könnte bekannt werden ...

Verdächtig ist auch die Geheimniskrämerei um den Bericht. Dieser liegt nur der «Washington Post», dem ZDF und der «Rundschau» vor. Letztere weigert sich, diesen an andere Medien herauszu-geben. Die NZZ hat erfolglos versucht, das Papier von den TV-Kolleginnen zu bekommen. Man will es offensicht-lich so lange bei sich behalten, wie es Stoff für weiterführende Stories hergibt. Oder traut man der Quelle doch nicht so ganz?

Wenn die Sache wirklich staatspolitisch so brisant ist, wie es derzeit geschrieben und gesendet wird, müssten alle Beteiligten ein Interesse haben, dass möglichst viele Akteure Einsicht in die Unterlagen erhalten. Immerhin beschuldigt das Minerva-Papier alt Bundesrat Villiger des Mitwissertums.

Dennoch darf man die ganze Affäre nicht vorzeitig als Knallfrosch abtun. Es ist notwendig, dass sich die parlamentarischen Unter- suchungsorgane nun, wie beschlossen, schnell ein Bild verschaffen und alles lückenlos aufklären. Dann wird aus dem Ganzen wohl keine Atom-, aber vielleicht noch eine Tischbombe.

Kommentieren

Kommentar senden