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An der falschen Adresse

An der falschen Adresse

Single
Böckin
vor 1 Monat in
PIXABAY

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Irgendwie ist es paradox. Ich, die wohl unerfahrenste Person, was Beziehungen angeht, soll mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn es bei meinen Freundinnen und Freunden kriselt. Nicht, dass ich es nicht gerne machen würde, aber sie sind bei mir definitiv an der falschen Adresse.

Ein Blick auf mein Liebesleben offenbart das eigentlich ziemlich schnell. Es ist nicht so, dass ich mit wahnsinnig viel Erfahrungen angeben kann oder dass ich grosse Ahnung von erfolgreichen Partnerschaften habe. Alle, die ich bisher hatte, sind spektakulär gescheitert und das lag nicht zuletzt an mir. Wirklich, ich bin meiner Meinung nach die letzte Person, die man nach Rat fragen sollte.

Die Unerfahrenheit ist das eine. Das andere, dass ich auch einfach nicht wirklich ein Ass im Geben von Ratschlägen bin. Meine Lösung für die meisten Probleme, was Beziehungen angeht, wäre den jeweils anderen einfach zu verlassen, denn mein konfliktscheues Ich würde ein Problem nie von sich aus ansprechen. Mitunter auch ein Grund, weshalb es bisher noch nie geklappt hat, übrigens. Dieser Ratschlag mag sich zwar logisch anhören, ist aber nicht gerade realistisch. Schliesslich ist nicht jeder wie ich und ergreift die erste Chance, die sich ergibt, um sich aus dem Staub zu machen.

Ich kann die Probleme meistens auch gar nicht wirklich nachvollziehen, da es mir gar nicht bewusst ist, was es heisst, so viel Zeit mit einer anderen Person zu verbringen. Es ist eine Sprache, die ich nicht beherrsche. Wie ich dabei einen erfolgreichen Ratschlag geben soll, ist mir ein Rätsel, doch mein Umfeld scheint sich daran nicht zu stören. Irgendetwas muss ich richtig machen, denn das Ausschütten des Herzens kommt immer öfters vor. Mir ist bisher auch nicht bekannt, dass jemand meinem scherzhaften Vorschlag, Schluss zu machen, gefolgt ist. Somit habe ich immerhin keine fremden Beziehungen auf dem Gewissen.

Zugegebenermassen gibt mir das auch ein wenig Mut. Andere scheinen sich mir anzuvertrauen und das muss einen Grund haben. Auch wenn ich das Gefühl habe, ich bin ein blutiger Anfänger, was Liebe und Beziehung angeht, und ich habe keinen Plan  irgendetwas muss ich ja trotzdem richtig machen. Vielleicht eignet sich meine idealisierte Vorstellung einer Beziehung perfekt als Musterbeispiel.

Jetzt liegt es also an mir, Rat zu holen. Wie lasse ich mein sorgfältig aufgebautes Luftschloss zerfallen, ohne dass das Grundgerüst, das scheinbar zu funktionieren scheint, komplett in sich zusammenfällt? Diese Grenze scheint ziemlich fein zu sein, doch wo sich die genau befindet, ist mir noch nicht so ganz klar. Ist es wohl niemandem. Ansonsten gäbe es längst eine Schritt für Schritt Anleitung für die perfekte Beziehung und Herzschmerz würde aussterben.

Ich werde mich allerdings auf die Suche nach ebendieser Grenzlinie machen, sollte sich die Gelegenheit wieder mal bieten. Sobald ich sie finde, lasse ich es Euch wissen und schreibe einen Guide, wie man Partnerschaften meistert. «Wie man liebt – die Schritte zum Erfolg», eine Autobiografie der Single Böckin. Das Veröffentlichungsdatum ist noch unbekannt, aber Ihr wärt die Ersten, die davon erfahren!

Bis dahin wünsche ich Euch eine schöne Restwoche

Eure Single Böckin

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"Ansonsten gäbe es längst eine Schritt für Schritt Anleitung für die perfekte Beziehung und Herzschmerz würde aussterben."
Naja... vermutlich hat Herzschmerz eine ähnliche Funktion in der Natur wie Schmerz, Tod, Angst, denn in der Natur scheint alles einen Sinn zu haben, im Gegensatz zu vielem Menschgemachtem wie Kriege, Umweltzerstörung, sinnlose körperliche und akustische Gewalt... warum sterben die nicht aus?
Die Ursache könnte die Antwort auf alles sein: Weil es solche und solche Menschen gibt. Deswegen gibt es die hohe Scheidungsrate und die noch viel höhere Rate Unglücklich-Zusammenbleibender (inklusive all derer, die bei der Singleböckin "ihr Herz ausschütten", was "immer öfter vorkommt", um dann aber, so weit es ihr bisher bekannt ist, "dem scherzhaften Rat, Schluss zu machen, nicht zu folgen").
Es scheint, dass gemäss Sprichwort "Der Teufel in der Not Fliegen frisst", siehe auch Bücher wie "Wenn Frauen zu sehr lieben" (Robin Norwood) und "Von mir aus nennt es Wahnsinn: Protokoll einer Heilung" (Jacqueline C. Lair). Das gilt für Umweltpolitik (der eine Mensch liebt Rambazamba und hat "Benzin im Blut", der andere Mensch liebt Stille und innere Entwicklung). Das gilt für Mehrparteienhäuser (aus einem Vermieterprospekt: «Bei uns werden Sie als Mieter nicht einfach mit anderen Mietern in einem Haus zusammengewürfelt. Sie sind uns wichtig und sollen sich wohl fühlen. Deshalb achten wir darauf, dass sich Gleichgesinnte in einem Haus wiederfinden»).
Buch von Prof. Manfred Spitzer: Einsamkeit - die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich.
Ein Aspekt ist das Phänomen Hikikomori.
Meine Meinung: Ob man von der heutigen Künstlichkeitswelt sich vor den Kopf gestossen fühlt bzw. der - zumindest aus subjektiver Sicht - denaturierten Menschheit; ob man als Mieter leidet unter dem Einheitsbrei, den es in der Natur nicht gibt (denn dort hat jedes Lebewesen seine Nische, sein "Substrat"/Standort, für seine individuellen Bedürfnisse); ob es um Partnerwahl im engeren Sinne geht; ob es um Zivilcourage für den/die Nächste/n, Mitmenschlichkeit geht in der Not, um Barmherzigkeit, wofür man niemand findet/kennt: Es gibt "mathematisch oder besser gesagt logisch" zwei Faktoren: Entweder wir finden die benötigte Person nicht in heutigen Verhaltensstrukturen (wie die Suche maximal gestaltbar wäre, dazu äussere ich mich gesondert), oder/und es gibt immer weniger von diesen Personen bzw. sie sterben aus wie die Arten (wofür verschiedene Anhaltpunkte sprechen dürften).