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Samiklaus statt Single-Heulsuse

Samiklaus statt Single-Heulsuse

Single
Bock
vor 4 Monaten in

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Wir Singles sind ja in der Adventszeit gerne auch ein einig’ Völkchen von Mimosen. Wir stimmen ein ins allgemeine Lamentieren. Wir heulen rum, wie einsam wir doch sind – insbesondere in der Adventszeit. Wir geben uns dem ausgeprägten Konsum von Alkoholika und weihnachtlichem Süsskram hin. Da uns aktuell auch das böse C-Wort davon abhält, an Weihnachtsmärkten potenziellen Sexpartnern unsere Absichten mit Glühweinfahne ungefragt ins Gesicht zu lallen, ist die Gefahr gross, dass wir daheim in unseren vier Wänden zu kleinen, elendiglich schluchzenden Adventsgnomen verkommen. Vielleicht bin auch nur ich das. Ich extrapoliere möglicherweise nur und bei Euch ist eigentlich alles anders. Was bei mir definitiv anders ist, ich habe die Plattform, Euch mit meinem Elend zu beglücken – oder zu nerven.

Soviel zur Einleitung. Ich habe mich also vergangenes Wochenende in einem roten Hoodie (You’ll never walk alone) mit rotem Getränk (in vino veritas) vor den Fernseher gehockt und mir einen meiner traditionellen Weihnachtsfilme (Love Actually) zu Gemüte geführt. Ich hab Kerzen angezündet und bei den Gesangsparts im Film lauthals mit…gegrölt (mit Singen hatte das nicht viel zu tun). Irgendwann hat dann der Schneefall mit eingesetzt – draussen. Ich gab mich also so meiner Adventsmelancholie hin und harrte dem Single-Wochenende, das da kommen sollte. So weit so repetitiv.

Einen Unterschied zu den üblichen Single-Adventswochenenden gab es dann aber doch: Ich war gegen Ende der Vorwoche von meinen Nachbarn gefragt worden, ob ich bei ihnen als Samiklaus vorbeischauen könnte. Da ich in dem Bereich bereits vor Jahren erste Erfahrungen sammeln konnte und mir das auch Abwechslung in meinen selbstmitleidigen 2.-Advents-Tag bringen sollte, sagte ich zu. Ich bekam von den Nachbarn die Samiklaus-Grundausstattung: Roter Mantel, Bart, Brille, Buch und die zu übergebenden Samiklaus-Säckl (und dazu noch eines für mich, was mich sehr freute). Zusätzlich erhielt ich die Listen mit den lobend zu erwähnenden Eigenschaften der Kinder und mit den Punkten, bei denen die dazugehörigen Eltern unter Jahr Optimierungsbedarf ausgemacht hatten.

Ich hatte also was zu tun: Erste Kostümprobe vor dem Spiegel. Ich hatte den Fake-Haarnsatz erst als Oberlippenbart ausgemacht, bei der zweiten Kostümprobe (zwei Stunden, 14 Nüssli, drei Schoggitaler und zwei Mandarinli später) aber gemerkt, dass das Teil – eben – als Haaransatz vom Samiklaus und nicht als sein Oberlippenbart vorgesehen ist. Ich las mich in die Liste der Eltern ein, suchte ein neutrales grosses Buch (das aus dem Samiklaus-Kit schien mir zu klein), klebte die Zettel ins Buch (Notiz an mich: in Zukunft kein normales Klebeband verwenden. Das reisst später nur die Buchstaben aus dem Buch) und probierte das Kostüm nochmals an. Dazwischen immer wieder gerne ein Statusupdate per Whatsapp an die Nachbarn: «Alles auf Kurs».

Als dann der Moment der Wahrheit gekommen war, hatte ich meine übliche Single-Selbstbemitleiderei komplett vergessen und mich auch noch gut in Adventsstimmung manövriert. Ein bisschen nervös war ich auch. Lampenfieber halt...oder Laternenfieber. Passt irgendwie besser. Ich fuhr mit dem Lift in den Keller, um dann laut bimmelnd die Treppe hochzusteigen. Man will ja schliesslich den Von-Drauss-Vom-Walde-Komm-Ich-Her-Schein wahren. Ich wurde freudig von meinen Mitverschwörern (also den Eltern) und ihrem Spross in Empfang genommen. Ich setzte mich in die warme Stube, zählte auf, was im vergangenen Jahr gut war und wo noch geschraubt werden muss. Ich bekam ein herziges Samiklaus-Versli aufgesagt und überreichte das Samiklaus-Säckli in die kleinen Hände eines freudestrahlenden Kindes.

Beschwingt und fröhlich machte ich mich wieder auf in meine Wohnung (natürlich erst über die Treppe nach unten und dann mit dem Lift wieder hoch). Zufrieden dort angekommen schloss ich mit meiner inneren Advents-Heulsuse den Pakt, mich künftig in der Adventszeit auf so aufbauende Momente zu konzentrieren, statt in Selbstmitleid zu versinken. Ist besser. Für mich, mein Umfeld und meine Gemütslage. Dass ich dann später noch mit einem Tinder-Match hin und her schreiben konnte, machte meinen 2. Advent noch ein Fitzelchen besser.

Herzlichen Dank liebe Nachbarn, herzlichen Dank Samiklaus-Brauch und herzlichen Dank Tinder-Match.

Passt auf euch auf.

Euer Singlebock

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