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Quarantäne in Italien (II)

Quarantäne in Italien (II)

Hans Peter
Danuser
vor 1 Jahr in

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

So ein «Hausarrest» hat durchaus auch seine positiven Seiten. Er macht es möglich, wieder einmal so richtig zu lesen. Nicht nur Klassiker, die in Zeiten von Pest und Cholera handeln - Blog Boccaccio/Corona -, auch Bände, die seit Wochen darauf warten, geschmökert zu werden. Etwa das Jubiläumsbuch zum «Bodensee - Natur und Geschichte aus 150 Perspektiven».

Beim ersten Durchblättern entdecke ich rasch historische Verbindungen zwischen Bodensee, Ostschweiz, Graubünden und Comersee, die heute längst vergessen sind. Dabei geht es um die vielleicht älteste alpenquerende Handelsroute Europas. Beispiel «Lindauer Bote», die verlässliche Verbindung zwischen Bodensee und Mailand (S. 90 f).

Von 1530/40 bis 1826 bestand zwischen Lindau und Mailand ein regulärer und von Kaiser Karl V. institutionalisierter, wöchentlicher Botenlauf, der über Generationen von zwei Familien geleistet wurde, deren eine - die Gebrüder Weiß - noch heute im Logistik- und Speditionsgeschäft aktiv ist.

Lindau war damals der wichtigste Handelsknoten am Bodensee, während Konstanz der mächtigste Bischofssitz war. Die Verkehrsverbindung zwischen Lindau und Mailand war der zentrale Teil des Transithandels zwischen Genua und Frankfurt a.M.

Immer montagabends verließ ein Bote Lindau Richtung Süden. Über Balters, Thusis, Splügenpass, Domaso und Como erreichte er gegen Sonntag Mittag Mailand. Der auf vier Wochen angelegte Rhythmus bedingte die dauerhafte Anstellung von vier robusten, absolut zuverlässigen Boten.

Im gleichen Buch entdecke ich einen überraschenden Beitrag über «Amerika in Oberschwaben» (S. 214 f). 1901 fand ein Pater im Schloss Wolfegg bei Lindau die «Taufurkunde des Kontinents Amerika», den Einleitungstext zu einer Weltkarte von 1507.

Darin erläutert deren Herausgeber Martin Waldseemüller, warum er den Namen «Amerika» für den neuen Kontinent gewählt habe und mit dieser Karte in die geographische Welt einführe: «Nun sind aber die Erdteile umfassender erforscht, und ein anderer, vierter Erdteil ist durch den AMERICUS VESPUTIUS entdeckt worden.» Fazit: Der neue Kontinent soll «Land des AMERICUS, Amerige oder Amerika genannt werden.» Letzteres hat sich dann rasch durchgesetzt, weil die Weltkarte ein Verkaufserfolg und sehr bekannt wurde.

Seit 2001 wird Waldseemüller's Weltkarte samt «Taufurkunde Amerikas» in der amerikanischen Kongressbibliothek in Washington den Besuchern der ständigen Ausstellung als Attraktion präsentiert und ist mittlerweile Teil des UNESCO Dokumentenwelterbes.

Dazu zwei Bemerkungen meinerseits:

- Der Lindauer Bote reiste zwischen Boden- und Comersee  immer auch am schmucken Städtchen Maienfeld in der Bündner Herrschaft vorbei, das durch die vor 140 Jahren erschienene Heidi-Geschichte (und seinen Wein) bekannt ist. Heute gibt es Bestrebungen, dieses Buch samt Johanna Spiry's Archiv ebenfalls ins UNESCO World Memory Register einzubringen.

- Das Städtchen Wolfegg im Hinterland von Lindau ist Schwesterstadt von Colico, dem obersten Hafen und Ort am Comer See, dem «Tor zum Veltlin» gewissermaßen, was mit Blick auf den Lindauer Boten durchaus Sinn macht, auch wenn dieser seine Barca nach Como auf der anderen Seeseite bestiegen hat.

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