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«Zu viele wurden zurückgewiesen»

«Zu viele wurden zurückgewiesen»

In den letzten Jahren hatten sich wohl nicht oft so viele Menschen gleichzeitig auf dem jüdischen Friedhof eingefunden. Am Sonntagnachmittag weihte jedoch eine grosse Gemeinde einen neuen Gedenkstein ein.

Barbara
Gassler
10.05.22 - 07:07 Uhr
Aus dem Leben
Auf den Tag genau 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weite Ralph Levin, Präsident des SIG, auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein ein.
Auf den Tag genau 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weite Ralph Levin, Präsident des SIG, auf dem jüdischen Friedhof einen Gedenkstein ein.
Bild  SO Livia Mauerhofer

Einen Gedenkstein an Opfer des Holocausts auf dem 1931 geschaffenen jüdischen Friedhof gibt es bereits: Unter ihm wurde am 6. September 1946 Asche von im Konzentrationslager Buchenwald getöteten namenlosen Opfen begraben. Seit Sonntag steht an seiner Seite ein Stein zum Gedenken all jene jüdischen Menschen, die kein Asyl in der Schweiz fanden oder sogar wieder über die Grenze zurückgesandt wurden – oft in den sicheren Tod. Das Denkmal reihe sich ein in 60 Gedenkstätten in der Schweiz, wo der Opfer der Schoa – der Holocaust im jüdischen Sprachgebrauch – gedacht werde, aber auch jener mutigen Menschen, die Verfolgte retteten, sagte der Präsident des Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Ralph Lewin, bei der Einweihung. «Es ist eine Vernetzung regionaler Erinnerungen, die hoffentlich dereinst zu einem nationalen Memorial führen wird.» Denn wer die Vergangenheit kenne und verstehe, könne den Erfordernissen der Gegenwart besser begegnen, schloss er.

Rabbiner Moshe Baumel von der Israelitischen Gemeinde Basel sprach über den Stellenwert der Erinnerungskultur im jüdischen Leben. Er erklärte, dass Menschen vor allem in der Erinnerung der Nachkommen weiterleben würden. Wie aber solle das bei jenen gehen, deren Namen nicht bekannt seien, für die es kein Grab gebe? Zwar würden Märtyrer von Gott einen ewigen Namen erhalten, dennoch brauche es Gedenkstätten wie die jetzt eingeweihte. Sie würden als Stützen im Kampf gegen den Antisemitismus dienen, sagte Baumel und bezog dabei Unterdrückte aller Ethnien, Farben und Religionen mit ein.

Nicht einladend, sondern ein «DENKmal»

Ariel Wyler, SIG-Geschäftsleitungsmitglied im Ressort Religiöses und Verwalter des Davoser Friedhofs, verdeutlichte diese Denkart weiter. Es gehe darum, Verantwortung in der jüdischen Erinnerungskette wahrzunehmen. «Dies ist jetzt umso wichtiger, da nun die letzten Überlebenden des Nazi-Terrors dahinscheiden.» Er sei sich absolut bewusst, dass das Deutsch holprig sei, meinte er zum eingravierten Spruch. «Den Weggewiesenen die Zuflucht suchten und haben kein Grab» steht da. Genau darum gehe es. Er solle zum Innehalten und Denken anregen. Dazu dürfe er nicht glatt und einladend sein. Der jüdischen Tradition folgend, legte Wyler zum Abschluss seiner Ausführungen einen Stein auf das Mahnmal. «Zur Erinnerung. Keine Blume, die verwelkt, sondern ein Stein, der ewig bleibt.»

Geschichte aufarbeiten

Das offizielle Davos war in der Person von Landammann Philipp Wilhelm zugegen. Er erinnerte an den Zweiten Weltkrieg als eine Zeit, in der Herkunft oder Ethnie über das Überleben entscheiden konnten. Diese Zeit, dürfe nicht unter den Teppich gekehrt werden. Die offizielle Schweiz habe lange die Landesverteidigung in den Vordergrund gerückt. Erst ab den 1990er-Jahren habe man sich ernsthaft mit der Rolle der Schweiz beschäftigt und sie in ein neues, weniger rühmliches Licht gerückt. Davos habe in der Geschichte des Nationalsozialismus in der Schweiz eine wichtige Rolle gespielt, fuhr er fort. «Daher ist der Gedenkstein in Davos kein Zufall.» Denn bis zum Kriegsausbruch sei es ein «Europa im Kleinen» gewesen. Dennoch seien es nur einige extreme Ereignisse aus jener Zeit, die im kollektiven Bewusstsein von Davos haften würden. Deshalb habe sein Departement die Erarbeitung einer Studie in Auftrag gegeben, die über den aktuellen Stand der Forschung Auskunft geben solle. Ausserdem unterstütze die Gemeinde eine dokumentarische Kurzfilmreihe über die NS-Zeit in Davos von Pax Helvetica (www.paxhelvetica.ch).

«Den Weggewiesenen die Zuflucht suchten und haben kein Grab» steht auf dem Gedenkstein. Der Text dürfe ruhig irritieren und soll zum Denken anregen, sagte Ariel Wyler dazu.
«Den Weggewiesenen die Zuflucht suchten und haben kein Grab» steht auf dem Gedenkstein. Der Text dürfe ruhig irritieren und soll zum Denken anregen, sagte Ariel Wyler dazu.
bg

Zeugnis der Überlebenden

Die menschlichen Schicksale, die hinter den wohlgewählten Worten stehen, thematisierte Ronnie Bernheim. Er war als Vertreter der Überlebenden anwesend, die den Stein gestiftet haben. Selber Kind einer in die Schweiz geretteten Deutschen Jüdin, erzählte er von Schweizer Jüdinnen, die nicht mehr in die Heimat zurückkehren durften, weil sie einen Ausländer geheiratet hatten. Er berichtete von jugendlichen Brüdern, die auf Anzeigen aus der Bevölkerung hin, zwei Mal ausgewiesen wurden. Er wusste von 40 Metern Brücke, die in Diessenhofen über Leben oder Tod entschieden. «Viele wurden gerettet, zu viele wurden zurückgewiesen», fasste er zusammen. Darum brauche es Prävention gegen unsensible Menschen und unmenschliche Gesetze, schlug er den Bogen zur Gegenwart. «Die Förderung von Empathie und Zivilcourage ist dringender denn je.»

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