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Ostern – ein wirkliches Gleichnis

Ostern – ein wirkliches Gleichnis

Jeweils in der Freitagsausgabe erscheint in der Davoser und Klosterser Zeitung das «Kirchenfenster», so sich die Pfarrpersonen der Region in Form eines Worts zum Sonntag äussern können.

Davoser
Zeitung
vor 2 Wochen in
Aus dem Leben
Der Ölberg in Jerusalem.
zVg/David Holifield

Es geschah in Jerusalem an einem Sonntag. Früh am Morgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und die Luft noch kühl. In einem Haus, nicht weit von der Stadtmauer entfernt, sassen die Jünger Jesu um den Tisch versammelt. Keiner sagte ein Wort. Auf dem Tisch lagen Brot und Trauben, aber niemand rührte etwas an. Grosse Traurigkeit erfüllte den Raum. Zwei Tage war es nun schon her, dass das Schreckliche passiert war. Jesus gekreuzigt, gestorben und begraben. Sie konnten das noch immer nicht begreifen. Wie sollten sie jemals wieder froh werden? Sie fühlten sich so verloren ohne ihn. Was sollte jetzt aus ihnen werden? «Am besten wird sein», sagte schliesslich Petrus, der Älteste, «wenn wir wieder zurückgehen nach Galiläa. Was sollen wir sonst machen? Ohne Jesus ist alles sinnlos.»
Bei den Jüngern war auch Maria. Maria aus Magdala, einer Stadt in Galiläa. Seit dem Tag, an dem Jesus sie geheilt hatte, war sie nicht mehr von seiner Seite gewichen. «Ich muss noch einmal zu ihm gehen», sagte Maria. Sie nahm ein warmes Tuch und schlang es fest um Kopf und Schultern.
«Bleib hier, Maria, du bringst dich nur in Gefahr», sagten die anderen. «Was willst du denn an seinem Grab? Jesus ist tot. Und sie haben einen schweren Stein vor das Felshöhle gerollt!»
Doch Maria lässt sich nicht aufhalten. «Ich gehe zu ihm, ich muss ihn noch einmal sehen, ihn noch einmal berühren.» In den Strassen ist es noch still. Unbemerkt kann sie durch das Stadttor schlüpfen. Von fern sieht sie schon den Garten und den Felsen. Aber was ist das? Der Stein ist weggerollt! Marias Herz klopft wie wild. Jetzt sind es nur noch wenige Schritte... Starr vor Schrecken bleibt sie stehen: Der Stein ist weggewälzt vom Grab. Ein dunkles Loch starrt sie an.
«Sie haben ihn weggenommen!» – Bei diesem Gedanken fährt ein schmerzhafter Stich durch ihr Herz. «Wer hat das getan? Gönnen sie nicht einmal dem Toten Frieden?»
Maria läuft so schnell sie kann den Weg zurück, den sie gekommen ist – hinunter zum Stadttor und durch die schmalen Gassen. Bis sie vor dem Haus steht, in dem die Jünger sich versteckt halten. Mit beiden Fäusten hämmert sie an die Tür. «Macht auf! Etwas Furchtbares ist geschehen! Sie haben den Herrn weggenommen!»
Petrus und Johannes sind ebenso erschrocken wie sie. «Weggenommen, sagst du. Wir kommen mit dir, Maria.» Und schon laufen sie los. Johannes ist der Erste am Grab. Tatsächlich – der Stein ist weggerollt, wie Maria gesagt hat. Nun kommt auch Petrus. Mutig bückt er sich und tritt in die Felshöhle. Das Grab ist leer. Nur die Leinentücher liegen noch da, in welche der Tote gewickelt war. Johannes und Petrus schauen sich fragend an. Sie wissen nicht, was sie denken sollen. Sie verstehen noch nicht, was doch in der Schrift vorausgesagt war, dass er von den Toten auferstehen müsse. Traurig und ratlos gehen sie wieder nach Hause.
Nur Maria bleibt. Sie steht vor dem Grab und weint. Und wie sie so dasteht und weint, fällt ihr Blick in die Grabkammer − und plötzlich sieht sie dort zwei Engel in lichten Gewändern, einen am Kopfende und einen am Fussende, auf dem Felsen sitzen, da wo Jesus gelegen hatte. Und die Engel fragen: «Frau, warum weinst du?» Und Maria antwortet: «Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben.» Dann dreht sie sich um. Und da sieht sie plötzlich einen Menschen vor sich stehen. Sie weiss aber nicht, dass es Jesus ist! «Frau, warum weinst du? Wen suchst du?», fragt er.
Maria meint, es sei der Gärtner: «Hast du ihn vielleicht weggetragen? So sag mir doch, wo du ihn hingebracht hast!» Mit verweinten Augen steht sie vor Jesus und da − hört sie plötzlich ihren Namen: «Maria!»
Sie blickt erschrocken zu dem Fremden auf. Woher weiss er ihren Namen? Und da erkennt sie ihn.
«Rabbuni», flüstert sie auf Hebräisch (das heisst: mein Meister) und streckt ihre Arme nach ihm aus. Doch er weicht zurück. «Du darfst mich nicht festhalten. Denn ich muss zu meinem Vater im Himmel gehen. Lauf und erzähl es den Freunden. Ich kehre zurück zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Es kommt aber der Tag, da werdet ihr sein, wo ich bin.»
In diesem Augenblick geht über dem Ölberg mit lichtem Glanz die Sonne auf. Maria läuft los, ja sie fliegt fast! Sie kann es kaum erwarten, den Freunden die frohe Nachricht zu bringen: «Ich habe den Herrn gesehen. Und dies hat er zu mir gesagt.»
Später sehen ihn auch die anderen Jünger: Petrus und Johannes, Jakobus und Thomas und noch viele andere. Sie fassen wieder Mut. Sie fühlen sich nicht mehr verlassen. Sie erfahren, dass Jesus lebendig ist – auf eine neue Weise. Und sie glauben daran, dass sich alles erfüllen wird, was er ihnen gesagt hat. (Erzählt nach dem Johannesevangelium, Kap. 20.)

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen

Astrid Fiehland van der Vegt
Pfarrerin in der Kirchgemeinde Davos Dorf/Laret und in der Hochgebirgsklinik Davos

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